Schanghai raubt einem den Atem: Größte Stadt Chinas, knapp 30 Millionen Einwohner, ca. 6.340 km² Fläche, globaler Finanzplatz und das alles nur 4 Meter über dem Meer. Berge, wie in Hongkong oder Macau gibt es hier nicht. Nur Berge von Hochhäusern. Und die sind – den Superlativen dieser Stadt entsprechend – hoch. Sehr hoch!
Zwei Tage liegt das Schiff hier. Einerseits wohl als Höhepunkt der Reise gedacht, andererseits, wie soll man an einem Tag so eine Riesenstadt kennenlernen? Der Auftakt ist schonmal vielversprechend: Man begrüßt uns mit Musik!

Wir haben die zwei Tage aufgeteilt: Am Tag 1 ein geführter Ausflug und am Tag 2 gehen wir auf eigene Faust los. Klar, ein wenig Ressentiment nehmen wir dabei schon mit, weil der Herr Lektor diesmal vor solchen Alleingängen vorsichtig gewarnt hatte (völlig entgegen seiner sonst zur Schau getragenen Art). Man komme mit den fremden Schriftzeichen schlecht zurecht, kaum jemand spreche etwas anderes als Chinesisch und die Taxifahrer – oftmals Rettung in der Not, um wieder zum Schiff zurück zu finden – könnten zum Großteil nicht einmal lesen. Selbst eine chinesische Adresse ihnen vor die Nase zu halten, wäre damit also sinnlos.
Wir besinnen uns, 1991 in Kyoto und in Tokyo, trotz der auch dort für uns unbekannten Schrift, problemlos mit Bussen und Bahnen, ja sogar mit dem Fernzug Shinkansen sehr gut zurecht gekommen zu sein. Auch hatten wir in Ungarns Hauptstadt Budapest kein Problem, allein mit „Öffis“ durch die Stadt zu fahren, obwohl Ungarisch weder mit Deutsch noch mit Englisch verwandt ist, sondern mit Finnisch – was uns auch nicht gerade geläufig ist. Es bleibt also dabei: Tag zwei auf eigene Faust. Außerdem bekommen wir ja am ersten Tag bereits einen Überblick über das, was sehenswert ist und das, was für uns noch interessant wäre. Man könnte auch sagen „übrig bleibt“, denn dieser Ausflug hat es in sich: 8:15 Uhr geht’s los und erst gegen 19:30 Uhr werden wir zurück sein.
Also los! Zunächst fahren wir mit dem Guide – der übrigens wieder fließend Deutsch spricht (ob er jemals in Deutschland war, bleibt sein Geheimnis) – zum Jade-Buddha-Tempel, einem nationalen Schwerpunkttempel des Buddhismus in China. Hier sind in einer weitläufigen und sehr ästhetischen Anlage zwei von fünf Jadefiguren aufgestellt, die einst ein Mönch aus Tibet mitbrachte und für sie diesen Tempel erbauen ließ. Es gibt zahlreiche weitere prunkvolle Statuen, Schreine und Opferstellen – man kann sie als Fremder trotz kundigem Guide kaum zu- oder einordnen. Und die vielen Menschen sind diesmal nicht ausschließlich Touristen.
Dass man in einen Tempel rechts durch das Drachentor eintritt und links durch das Tigermaul wieder heraus geht, hatten wir bereits in Taipeh gelernt. Auf diese Weise lässt man Sorgen und Nöte hinter sich, geht gereinigt wieder auf die Straße. Und dass es mehrere Buddhas gibt, wussten wir auch, aber dass drei von ihnen ganz feste Aufgaben haben, erfahren wir hier: Einer ist für die Verstorbenen, einer für die Lebenden und ein dritter für die Zukunft zuständig. Je nachdem, über was oder zu wem man beten möchte, wendet man sich an den Betreffenden. Einerseits nicht unpraktisch, andererseits muss man schon wissen, wer für was zuständig ist – es gibt ja nicht nur diese drei…

Weiter geht’s zum Jin-Mao-Tower, wo wir von etwa 330 Metern Höhe, aus dem 88. Stockwerk, auf die Stadt blicken können. Nun nehmen sich 330 Meter gegenüber dem benachbarten Shanghai Tower mit 632 Metern Höhe eher bescheiden aus, aber der Ausblick ist wirklich großartig – zumal im Nachbarhaus oben zeitweilig die Fenster mit „weißem Papier beklebt“ sind, d.h. man ist in den Wolken und sieht nichts.
Nach dem Mittagessen, das eine Mischung aus Ost und West darstellt – wir bekommen Stäbchen für Reis, erhalten aber keinen Klebereis, sondern gebratenen, den man mit Stäbchen gar nicht essen kann -, geht es zum Yu-Garten. Einst als feudaler Privatgarten angelegt, wird er heute als touriwirksamer Irrgarten vermarktet.
Der Guide warnt davor, die Gruppe zu verlassen, weil man sonst nicht den Ausgang fände. Alles sei nur Chinesisch beschriftet. Er irrt. Auf jedem zweiten Wegweiser ist „Exit“ zu lesen. Seine Angst, jemanden zu verlieren, begründet sich wohl eher in den Massen von Einheimischen, die ihren freien Samstag nutzen, um sich zur gleichen Zeit mit uns durch diesen, zugebenermaßen wunderschönen Garten drängeln.
Künstliche, völlig natürlich aussehende Wasserläufe umspielen kleine Häuschen, Schreine Statuen und Steinkompositionen, fließen durch Mauertore, begleiten Wege und kleine Treppen in Sackgassen oder immer wieder neue „Landschaften“.
Hinter dem Ausgang dann eine im Stil alter chinesischer Architektur neu gebaute Shoppingmall, in der vom profanen Kaugummi über Designerklamotten bis zur Rolex alles angeboten wird, was Touris (und Chinesen) mögen.
Der Guide gibt uns eine halbe Stunde „Freizeit“ zum Shopping. Wir setzen uns derweil auf eine Bank, gönnen die Freizeit unseren Füßen.
Was ist Shanghai ohne einen Gang über die „Bund“, die 2,6 km lange Uferpromenade am Huangpu. Auf der einen Seite für uns quasi im Rücken, stehen die alten Bauten, zum Teil noch, aus der Kolonialzeit, auf der anderen die hypermodernen Skyscraper der Sonderwirtschaftszone Pudong. Und dazwischen der Fluss, als eine der Lebensadern dieser Stadt. Ein Erlebnis – auch, wenn unsere Füße wieder nach wenigen hundert Metern aufgeben, uns auf eine Bank zwingen.
Langsam wird es dunkel. Die Straßenbäume sind plötzlich mit hunderten kleiner LEDs beleuchtet. Ein schöner Anblick. Aber es kommt noch besser.

Mit dem Bus fahren wir in die im europäischen Baustil wieder aufgebaute, ehemalige Französische Konzession, mit baumgesäumten Alleen, zahlreichen Restaurants und – man glaubt es kaum – einer Wechselbeleuchtung der Bäume, die alles bislang gesehene in den Schatten stellt. Der vom Guide angekündigte „Aaahh-Effekt“ bleibt tatsächlich nicht aus!
Zurück auf dem Schiff plumpsen wir völlig geschafft ins Bett. Kein Sundowner, kein Absacker! Der Schrittzähler im Handy zeigt über 15.000 Schritte oder mehr als 11 Kilometer Strecke an…
Wie wollen wir bloß den zweiten Tag überstehen?
Nun, der beginnt gaaanz langsam. Wir schleichen vom Shuttlebus wieder zur und über die Bund, nehmen uns aber auch heute nicht vor, die 2,6 Kilometer abzulaufen.

Unterwegs treffen wir auf ein Paar, das noch langsamer unterwegs ist, als wir. Man redet ein Wenig über gestern und die beiden schlagen vor, sich am Nachmittag ein Taxi für den Rückweg zum Bus zu teilen.
Nicoline erzählt, dass ich grundsätzlich kein Taxi nutze (@ Mike: außer spät in HD, wenn ein Schatten zum Überspringen nicht mehr sichtbar ist) und wir bereits in Tokyo mit Koffern in der S-Bahn zum Hotel gefahren wären. „Unverständnis“ ist jetzt der korrekte Ausdruck für die Mienen beider Gesichter.

Einige Zeit weitergeschlichen, erreichen wir die Nanjing Road, die ca. 6 km lange, zentrale Einkaufsmeile der Stadt. Auch hier haben wir überhaupt nicht vor, so weit zu laufen! Und bereits nach wenigen hundert Metern eröffnen sich bunte Touristenfallen, in denen wieder alles von Schmuck über Süßigkeiten bis zu Street-Food angeboten wird.
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Hungrig, wie wir jetzt sind, kehren wir in einem dieser krass-bunten Läden ein. Und obwohl die Auswahl riesig und zum Teil echt verlockend ist, verzichten wir auf am Spieß gebratenen Tausendfüßler oder frittierten Skorpion. Schaf und Schwein tun’s auch.

Dann verschwinden wir im Kaufhaus „Nr. 1 Department Store“, einem Lafayette-Verschnitt ohne Kuppel, aber ähnlichem Aufbau wie z.B. das Alsterhaus in Hamburg und fahren ein Wenig mit dem Aufzug drin herum, um die einzelnen Etagen, die jeweils einem Thema – Spielzeug, Schönheit, Kleidung, Schmuck, etc. – gewidmet sind, zu sehen.
Kurz darauf treffen wir nochmal auf die Mitschleicher von der Bund, sind kurz davor, auf ihr neuerliches Angebot des Taxiteilens einzugehen – entscheiden uns aber dann doch dagegen.
Auf dem Rückweg gönnen wir uns noch einen Cappuccino auf der Promenade mit schöner Aussicht auf die gegenüberliegenden Hochhäuser, um schließlich zum Shuttlebus zurückzukehren.

Und erstaunlicherweise sind wir eher dort als die beiden „Lauffaulen“. Ihnen ist genau das passiert, was der Lektor vorausgesagt hatte. Sie haben für viel Geld eine „Stadtrundfahrt“ gemacht, haben Stadtteile gesehen, von denen sie gar nicht wussten, dass sie existieren, geschweige denn, dass sie dorthin gewollt hätten. Die Taxifahrerin, offenbar weder ortskundig (sie soll selbst häufiger ausgestiegen sein, um zu fragen, wie sie zu dem vorgegebenen Ort kommen könnte) noch des Lesens wirklich mächtig, wollte dafür dann auch noch den doppelten, als ausgemachten Fahrpreis haben (was die beiden aber wohl nach längerem, unverständlichen Gezeter abgelehnt haben).
Glück gehabt!

