Hong Kong

…über den Wolken…

„Über den Wolken…“ sang einst Herr Mey und vermutete  dort die unbegrenzte Freiheit. Heute weiß ich, er irrte. Im Mittelsitz einer Dreierreihe der Cathay Pacific Holzklasse – auch „Economy Class“ genannt – hat die Freiheit doch deutlich erkennbare Grenzen: Ein Kopfkissen und eine in flutteriges Plastik verpackte Wolldecke für die Nacht auf dem Schoß,  ein Öko-Pappbecher im Klapphalter vor mir und das zu gegebener Zeit ausgeteilte, aus sechs Einzelteilen und dem ebenfalls in Plastik verschweißten Besteck  bestehende Abendessen auf einer zweiten Klappablage unter dem Ökobecher, das sich mit Kopfkissen und rutschiger  Wolldecke im kontinuierlichen Platzkampf befindet, düften Meys Vermutung widerlegt haben.

Auch mit der Bewegungsfreiheit ist es nicht so allzu weit her. Links und rechts erheben Arme und Ellenbogen Anspruch auf meine Armlehnen und während sich Nicoline neben mir am Fenster als schier grenzenloser Flüssigkeitsspeicher erweist, ersuche ich die mir unbekannte Mitreisende auf dem Gangplatz, das eine oder andere Mal mir den Weg aus meinem Mttelgefängnis frei zu machen. Nicht etwa, um im Gang auf und nieder zu wandern – so, wie es unser Hausarzt gegen geschwollene Füße empfohlen und jedem von uns zusätzlich zwei Heparinspritzen mitgegeben hatte (die jetzt übrigens Hause liegen) – nein, sondern um ganz profan den gut besuchten Ort körperlicher Erleichterung aufzusuchen, dessen Ausmaße bei der Wiederherstellung eines halbwegs gemeinwohltauglichen Outfits nach vollbrachtem Werk akrobatische Fähigkeiten erfordern.

Die Sitznachbarin hat zwar freundlicherweise auf meine Rückkehr gewartet,  aber neben Kopfkissen und Wolldecke stapeln sich auch noch ein Schlaf-Nackenkissen und ihr Rucksack vor und auf dem Platz – was meine Wiedereingliederung nicht gerade einfacher macht. Nun, dafür sitze ich jetzt nicht nur auf meinem Anschnallgurt, sondern auch auf Ihrem…

Nach ca. 11 Stunden ist der Spuk vorbei – nicht, ohne dass sich vor und nach dem „Frühstück“ die gleiche Rangelei nicht noch einmal ergeben hätte.

Leider ist die Landung in Hongkong diesmal völlig unspektakulär. Nicht mehr so, wie vor 25 Jahren, als der Flieger zwischen den Hochhäusern langsam die Hauptstraße entlang flog, um kurz nach deren Ende auf einer Rollbahn zu landen, die einfach im Wasser endete (heute ist dort das Cruise Ship Terminal). Außerdem ist es noch dunkel um 6:10 Uhr.

Und dann sind wir in einer anderen Welt angekommen. Einer ganz anderen. Hier sind Präzision und Kontrolle allgegenwärtig. Die Pässe werden mehrfach gescannt, begutachtet und mit einem eingelegten Zettel versehen, auf dem unser spätest mögliches Ausreisedatum vermerkt ist, jeweils gefolgt von automatischer Gesichtskontrolle (Basecap ab, sonst geht die Tür nicht auf), nicht stehenbleiben, nicht filmen oder fotografieren! Allerorten Kameras, überall sehr höfliche Bedienstete,  freundlich und zuvorkommend, aber auch deutlich bestimmt. So, wie es ist, muss es sein! Kein Widerspuch, keine Alternative. Wer das nicht akzeptiert, gehört hier nicht her!

Dekadent? Klar – aber schön!

Unser Tag ist kaputt – könnte man denken nach so langem Flug und einer sehr (!) kurzen, nahezu durchwachten Nacht. Aber da hilft uns diesmal doch der Herr Mey weiter, indem er behauptet, dass mit dem Wolkendurchbruch alles, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein sei.

Zwar sind wir jetzt wieder unten, aber mit einem gut gekühlten Glas Pommery Rosé in der First-Class-Lounge und dem unverstellten Blick von Deck 14 auf die Skyline von Hongkong, sind uns die Probleme der Welt einigermaßen egal – und die von Zuhause sowieso. An denen der Welt können und konnten wir nie etwas ändern und die von Zuhause müssen halt warten, bis wir wieder da sind. Schließlich ist nichts so wichtig, als dass es nicht durch längeres Liegenlassen noch wichtiger würde!

Skyline von Hong Kong

Jetzt noch eine Mütze Schlaf und abends eine Dschunkenfahrt im Hafen zur  allabendlichen „Symphony of Light“, bei der über 40 Hochhäuser eine super Lightshow mit und aus ihren Fenstern produzieren. Das hat was…

Symphony of Light – allabendlich im Hafen von Hong Kong
Eine der vielen Dschunken, die zur Symphony of Light Touris fahren

Auf der Fahrt zum Hafen gibt uns der Guide noch eine kostenlose Lektion in Sachen Hongkong-Interna: Man habe 7,5 Milloinen Einwohner, für die meisten von ihnen sei eine Eigentumswohnung in den Hochhäusern unerschwinglich, weil ein Quadratfuß Wohnfläche gern mal 15.000 Dollar kostet (zum Verständnis: ein Quadratfuß sind rund 0,25 Qusdratmeter und 1.000 Hongkongdollar entsprechen etwa 110 Euronen). Die Mieten lägen etwa in gleicher Höhe –  dann allerdings für die ganze Wohnung

Und wer nach Außerhalb ausweicht muss ca. 35 HKD pro Liter Benzin blechen – also knapp vier Euro.

Ganz beiläufig erfahren wir auch, dass viele Hochhäuser Löcher haben, damit die Drachen, wenn sie nachts zum Trinken von den Bergen zum Hafen fliegen, sich nicht daran stoßen und deshalb zürnen würden.

Eines der neueren, habe die Silhouette eines Messers – ob man das sähe. Daran könnten sich die Drachen verletzen. Und deshalb hätten die umliegenden Häuser auf ihren Dächern Kanonen in Richtung der Messerschneide aufgestellt, um zu signalisieren, dass man damit nicht einverstanden sei. Die Kanonen seien natürlich Fakes, aber das wüssten die Drachen ja nicht…

Von 99 Jahren britischer Kronkolonie kein Wort… Ein Land, ein System!

Tja, wir sind hier eben nicht nur in einer anderen Welt,  sondern auch in einer ganz anderen Wirklichkeit angekommen!

Der kurze Rest des Tages ist dann tatsächlich dem nachzuholenden Schlaf gewidmet.

Gute Nacht, Hongkong!

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