5:15 Uhr. Der unsägliche Wecker reißt uns aus dem Schlaf! Unerhört! Im Urlaub gehört sich das einfach nicht! Aber wenn man so unvorsichtig war, einen der ganz frühen Ausflüge gebucht zu haben, und trotzdem zuvor noch ein schnelles Frühstück einnehmen möchte, bleibt nicht mal richtig Zeit zum Duschen. Na gut, dann verschieben wir diesen Tagesordnungspunkt eben auf abends. Da haben wir einen Restaurantbesuch im Surf & Turf vorgesehen, zu dem man ohnehin gern frisch geduscht erscheint. Na ja, ein Blick vom Balkon entschädigt (zumindest etwas…).

Jetzt also Frühstück in der Tag-&-Nacht-Bar, dem um diese Zeit einzigen geöffneten Buffetrestaurant. Normalerweise eine Location für „Schaufelkünstler“, die darin wetteifern, auf der standardisierten Tellergröße des Schiffes ein Maximum aus dem jeweiligen Speisenangebot aufzuhäufen. Aber offenbar befinden die sich noch in Morpheus Reich, träumen von Burgerbergen. Es geht hier grad erstaunlich ruhig zu. Alle sind so müde, wie wir und die Teller bleiben erstaunlich überschtlich.

Ankunft am Fährterminal nach Macau. Aus der zentralchinesischen Sicht sind Honkong und Macau „Ausland“ – Stichwort: Sonderwirtschaftszone. Weil aber dazwischen immer ein – wenn auch manchmal winzges – Stückchen Pekingchina liegt, kommt man aus dem Ein- und Ausreisen gar nicht raus: Raus aus Hongkong, rein nach China, raus aus China, rein nach Macau – und abends natürlich umgekehrt.

Die Fahrt mit der Schnellfähre dauert eine Stunde, also 60 Minuten. Nicht 59 und auch nicht 61! Und weil unser Guide aus Hongkong entweder Macau nicht kennt oder er dort kein Guide sein darf (das bleibt im Dunkeln) bekommen wir sofort nach dem Aussteigen einen zweiten Fremdenführer verpasst: Deutlich weniger locker und ebenfalls deutlich weniger bewandert in englischer Grammatik, dafür aber ganz offensichtlich mit dem Charme eines linientreuen Chinesen – auch wenn er und seine ganze Familie portugiesische Wurzeln haben und jeder zwei Pässe besitzt.

Wie sein Kollege aus Hongkong preist auch er die Errungenschaften des kleinen Eilands an, als da wären: zahlreiche Brücken und etliche Tunnel, von denen einige (ganz wichtig!) von Präsident Xi höchstpersönich eröffnet oder eingeweiht wurden. Als Macaus Besonderheit kommen die sieben riesigen Casinos für die Touris und die zahlreichen Nachbauten westlicher Sehenswürdigkeinen hinzu – etwa der Big Ben aus London mit dem House of Parliament, der Campanile vom Markusplatz in Venedig und gleich gegenüber, auf der anderen Straßenseite der Eiffelturm. Natürlich alles Fakes, Miniaturausgaben in unterschiedlichen Maßstäben.

Und 400 Jahre portugiesische Kolonie?
Kaum der Erwähnung wert. Ja, die Portugiesen haben hier die Pastellfarben für ihre Häuser entwickelt und ja, es gab, bzw. gibt katholische Kirchen, einen Kindergarten, sowie auch eine Schule für die restlichen Portugiesen oder portugiesisch-stämmigen Familien, aber das war’s dann auch. Die Pauluskirche, einst bedeutendstes Bauwerk der Kolonialzeit, wird zwar als Fotoobjekt gewürdigt, aber alles andere an Wissenswertem überlässt er unerwähnt eigener späterer Wikipedia-Recherche.
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Anschließend rauschen wir durch eine mit Touris vollgestopfte „typische Altstadtgasse“, die eher den Eindruck einer „typisch chinesischen Shoppingmall“ macht, eng, finster, mit kleinen und kleinsten Geschäften aller Art – von Schuhen, T-Shirts, Imbissständen, lokalen Lebensmitteln, bis hin zu chinesischer Medizin – und landen vor einer weiteren Kirche.
Es ist die St. Dominikus Kirche, eine der ältesten katholischen Kirchen Macaus (spätes 16. Jhd.). Sie gehört zu den denkmalgeschützten Immobilien der Stadt und ist eine von 29 Stätten, die das historische Zentrum von Macau bilden – womit sie Teil des Weltkulturerbes ist.
Aber auch hier keine Erläuterungen, einfach nur: „Geht rein und seid in 15 Minuten wieder hier.“ Alles wenig prickelnd… Weiß er nichts darüber zu erzählen, will oder darf er nicht?

Nächste Station, der Macau-Tower zum Mittagessen. Und das ist tatsächlich ein Highlight! Im 360°-Buffet, fast ganz oben, irgendwo um die 330 Meter hoch, gibt es Spezialitäten in Hülle und Fülle, mit phantastischem Ausblick über die Stadt. Grandios! In einer Stunde ist man rum – das Restaurant dreht sich. Das Buffet allerdings nicht, sodass die Leckereien ganz langsam an einem vorüberziehen, wenn man sitzt. Witzig – solange man irgendetwas auf dem Tisch zur Wiedererkennung seines Platzes deponiert hat, denn der fährt ja weiter, während man am Buffett seinen Teller füllt!
Mit gut gefülltem Magen geht’s zum „A-Ma-Tempel“, einem der ältesten auf Macau, von dem sich auch der Inselname ableitet: „A-Ma-Gau“ bedeutet Bucht des Tempels der A-Ma. Die Portugiesen machten daraus „Macão“, woraus der heutige, offizielle Name „Macau“ entstand.

Er war schon lange Zeit vor den Portugiesen da, die erst Mitte des 16 Jhd. hierher kamen – nämlich seit 1488 – und gehört seit 2005 zum Weltkulturerbe. Da er im Laufe der Zeit kontinuierlich erweitert wurde, ist es kein einzelnes großes Gebäude mit dem sonst üblichen schönen Park davor, sondern ein aus vielen, in den Berg gebauten kleineren Hütten, Andachtsstätten , und Terrassen, erstelltes „Gesamtkunstwerk“, das durch Treppen und Tore verbunden ist. Wir haben leider weder Zeit, noch genügend Luft, die zahlreichen Einzelteile dieses Tempelberges zu besichtigen, da nahezu vor jedem Schrein, jeder auch nur der kleinsten Statuen eine beachtliche Anzahl von Chinesen eine mindestens ebenso stattliche Anzahl von Räucherstäben in Bündeln verschiedenster Größe, brennend hinterlassen hat. Es bleibt für uns bei einem kurzen Gang bis zum „ersten Tor“. Auf die sich anschließende steile Treppe hinauf in den Berg, verzichten wir…

Zu guter Letzt (unsere Füße sehnen bereits seit geraumer Zeit das Ende des Ausflugs herbei) ein Besuch im MGM-Casino. Aber bis auf die Spieltische ist auch hier alles Fake. Die Eingangshalle zu Casino und angeschlossenem Nobelhotel ist der Nachbau der Hauptbahnhofshalle von Lissabon, vollgestopft mit bunt bemalten Löwenfiguren – dem bekannten Wahrzeichen von MGM (der brüllende Löwe im Vorspann aller von MGM produzierten Filme).
Am Abend dann, als Versöhnung zu dem etwas eigenwilligen Ausflug, das bereits erwähnte Dinner im Surf & Turf des Schiffes mit einem hervorragenden 250-Gramm-Filetsteak vom Chianina-Rind, dazu ein Blanc de Noirs aus Spanien und ein Grappa Chardonnay zum Abschluss.
Herz, was willst Du mehr…?

