Taipeh

Nachdem wir Hongkong und Macau verlassen haben, fuhr die „Mein Schiff 6“ einen ganzen Tag in Richtung Taiwan. Dort liegen wir jetzt und wollen etwas von Taipeh,  Hauptstadt der – aus zentralchinesischer Sicht „abtrünnigen – Insel“ kennenlernen. Mal sehen, ob es einen Unterschied zwischen den beiden Chinas gibt – und wenn ja, welchen.

Der Bordlektor hatte zwar während des Seetages sein Bestes gegeben, um uns Keelung, den Hafen, in dem unser Schiff grad liegt (Taipeh liegt im Landesinneren) schmackhaft zu machen, aber erstens fragen wir uns schon seit seinem ersten Vortrag, ob TUI ihn nicht unterwegs irgendwo aussetzen wird, weil er beständig Touren und Sehenswürdigkeiten beschreibt, die man auf eigene Faust – also ohne, dass TUI etwas daran verdienen würde – machen kann und zweitens haben wir den Ausflug nach Taipeh schon lange im Voraus, durchaus absichtlich, gebucht.

Begrüßung in Keelung – zum Video: anklicken.

Außerdem werden wir gleich beim morgendlichen Blick aus dem Kabinenfenster mit dem ersten, gravierenden Unteschied zu Hongkong und Macau konfrontiert: Es ist neblig, kalt und regnet. Also nix auf eigene Faust, sondern bequem und trocken mit dem Bus nach Taipeh!

Am Vortag mussten wir unsere Reisepässe bei der Besatzung abgeben und erhielten dafür eine vom Schiff gestempelte DIN-A4-Kopie mit dem eindringlichen (!) Hinweis, dieses Hilfsdokument immer bei uns zu führen und es um Gottes Willen weder zu falten noch zu knicken. Wir würden sonst nicht in Taiwan einreisen und schon gar nicht wieder ausreisen können. Mir hat sich bis heute nicht erschlossen, wie jemand aus Tawan hätte wieder ausreisen sollen, wenn er gar nicht erst reingekommen wäre…

Na egal, das umständliche Procedere der letzten Tage noch präsent, halten wir uns sehr brav an die Anweisungen – und stellen fest, dass weder bei der Einreise, noch bei der späteren Wiederausreise sich irgendjemand für das Papier interessiert hätte. Keine Passkontrolle, nichts. Einfach durchgehen und fertig.

Blick aus dem „plüschigen“ Bus in den Regen
Busfahrer…

Weiter geht’s mit den Unterschieden: Hier wird rechts gefahren und es gibt nur wenige, etwas marode aussehende Hochhäuser, in denen jemand wohnt. Die modernen Skyscraper sind offenbar den Büros und Firmen vorbehalten. Gewohnt wird meist in maximal fünfstöckigen, ebenfalls realtiv verkommen wirkenden Gebäuden, in deren Erdgeschossen typische chinesische Kleinunternehmen logieren. Ich fühle mich sehr an Singgapur erinnert…

Eine halbe Stunde später sind wir in Taipeh angekommen und besuchen einen berühmten Tempel der Marine. Tempel und Marine? Wie will denn das zusammenpassen? „Ganz einfach“, wird uns erklärt. „Hier hat jedes Militär seinen Tempel. Sie unterscheiden sich ja ohnehin nur durch ihre Fahrzeuge.“ Schon wieder so eine Logik, die sich mir nicht recht erschließen will.

Egal, der Tempel ist hübsch anzusehen und die Mehrzahl der Besucher scheint wegen des Wachzeremoniells gekommen zu sein, bei dem sechs Uniformierte so etwas Ähnliches aufführen, wie wir es letztens im Hof des Stockholmer Schlosses erlebt hatten. Nur, dass hier weder Pferde dabei sind noch der Fehrbelliner Reitermarsch gespielt wird.

Danach besuchen wir das National Palace Museum in dem rund 600.000 herrschaftliche Stücke aus etwa 5.000 Jahren chinesischer Geschichte verwahrt und gezeigt werden. Eine Sammlung, die einst in Pekings verbotener Stadt beheimatet war und von Chiang Kai-shek nach der Revolution 1911 in die Republik China, also nach Taiwan, gebracht wurde.

Hier erweist sich unser Guide als wahre Koryphäe, die gefühlt zu jedem Ausstellungsstück dessen historische Einordnung und Bedeutung erklären kann. Warum der Besitz von Jade Herrscherdynastien begründete, warum Drachen eine so große Bedeutung in China haben und warum die Kaiser auf dem Drachenthron saßen.

Drachenfigur aus Jade

Ja, da sind sie also wieder, die Drachen. Sie brachten dem einfachen Volk, das sich meist ausschließlich von Reis ernährte und für dessen Aufzucht viel Wasser benötigt wird, als Mittler zwischen Himmel und Erde genau dieses: Wasser. Flogen sie zu hoch, kam unten nichts davon an, flogen sie zu niedrig, gab es Überschwemmungen. Ein Schelm, wer jetzt an Karsten Schwanke oder Claudia Kleinert denkt.

Drachen standen durch ihre göttliche Tätigkeit in direkter Verbindung zum Kaiser – oder umgekehrt -, der durch den Besitz von Jade, einem für die damalige Zeit ungewöhnlichen und damit göttlichen Stein (weich anzufassen, aber extrem hart), mit dem man Korn und Reis zu Mehl mahlen und gleichzeitig Waffen herstellen konnte, ebenfalls gottgleich wurde.

Chinesisches Restaurant – Ambiente: eher schlicht

Und so interessant das alles ist, nach etwa 75 Minuten Kunst- und Heimatgeschichte wird es uns immer gleichgültiger, welcher Herrscher sich in welcher Vase verewigt hatte. Die letzten 15 bis 20 Minuten trotten wir dem Guide nur noch hinterher, um den Ausgang wiederzufinden.

Endlich Zeit für’s Mittagessen. Das allerdings hat mit den kitschbeladenen Chinarestaurants unserer Hemisphäre rein gar nichts zu tun! Das Ambiente strahlt den Charme der Zwickauer Bahnhofshalle aus und außer Einheimischen weiß niemand was auf den Tisch kommt – oder wie man damit fertig wird.

Vor uns steht auf einem Drehteller eine Art großer Bunsenbrenner. Darauf ein kalter Topf mit kalter Suppe, in der etwas schwimmt. Nein, nichts was lebt, aber was es zu Lebzeiten mal war, erschließt sich uns auch nicht wirklich. Huhn? Lamm? Hund? Die Bedienung entzündet das Kochgerät  und innerhalb von knpp fünf Minuten hat das fauchende Ding die Suppe zum Kochen gebracht. Ein Hightechdrache? Anschließend werden üppigst Schalen mit allerlei Unbekanntem zum Suppentopf gestellt und jeder am Tisch kann sich etwas davon nehmen. Manches schmeckt gar nicht so schlimm, wie es aussieht.

Seafood – in sehr eigenwilliger Ausführung…

Plötzlich wird alles abgeräumt und durch etliche Schalen mit Seafood ersetzt. Deutlich zu erkennen sind Riesenkrabben und handtellergroße Krebse. Leider lassen sie sich schlecht bis gar nicht auslösen. Und wenn, schmecken sie fad. Enttäuschend. Die meisten am Tisch ergreifen jetzt die Flucht – und bekommen nicht mehr mit, dass auch dieser Gang des Mittagsmahls komplett abgeräumt und durch Nachtisch ersetzt wird. Es sind mit Puderzucker bemehlte, flache rötliche Päckchen mit einem Kern, der wie Haribo-Lakritz aussieht und die in giftgrüne Plastikblätter gewickelt sind.

Leckere Mochi-Röllchen

Mutig probiere ich eines der Päckchen – natürlich ohne das Plastikblatt -, stelle fest, dass die Konsistenz an Gummi erinnert und einen spürbaren Suchteffekt besitzt. Da die anderen Tischgenossen ja bereits weg sind, esse ich noch weitere drei Päckchen und frage die Bedienung, was das denn sei. „Mochi“ ist die Antwort und nachgefragt, was sich denn hinter Mochi verbirgt, gibt sie Auskunft, es sei lange gestampfter Reis, und in der Mitte befände sich rote Bohnenpaste. Schon merkwürdig, aber extrem lecker!

Wir sind die Letzten, die das Lokal verlassen, eilen zum Bus – und stellen fest, dass der leer ist. Es ist der falsche… Aber weil unser Guide alle Gäste wieder zum Schiff bringen möchte, sucht und findet er uns.

Zu guter Letzt fährt er mit uns zum Tempel des Staatsgründers, Chiang Kai-shek, einer riesigen Anlage aus mehreren Gebäuden, in dessen Haupthaus allerlei Utensilien des Verehrten gesammelt und ausgestellt sind – was vom  Dienstwagen bis zum Hochzeitsanzug reicht – und in dem er, als Statue wie ein Buddha auf einem Thron hockend, in die Ferne schaut. Ja, er wird hier trotz aller Misslichkeiten seiner Herrschaft kaum weniger verehrt als eben dieser!

Der „Meister“ an seinem Schreibtisch – als Wachsfigur…
Herr Shek als Bhudda

Und als unser Guide laut und deutlich sagt, er hielte  es für einen kolossalen Fehler, dass Herr Chiang einst seinen UN-Sitz an Nationalchina abgegeben hat, und deswegen kein anderer Staat Taiwan politisch anerkenne, wird klar, wie eklatant die Unterschiede beider Staaten sind: Im „anderen“ China hätte diese Bemerkung höchst wahrscheinlich dazu geführt, dass er demnächst als Wanderführer in der Wüste Gobi  arbeitet.

Auf der Rückfahrt, lese ich im Internet „Planet Wissen“ über den Drachen als  Tierkreiszeichen, denn mein Geburtsjahr gehört dazu. Und weil dort steht, dass diesen Menschen die Eigenschaften „gutmütig“, „glücklich“, „intelligent“ und „finanziell gut gestellt“ zugeordnet werden, fühle ich mich so richtig erkannt – bis ich eine mir wohlbekannte Hand an der Wange spüre und ein „Ja, ja, nun komm mal wieder runter mein kleiner Drache!“ höre.

Ooops, da habe ich wohl in meinem Höhenflug das Loch im Hochhaus verpasst. Finde ich mich doch im Untergeschoß des Taipeh-Towers wieder – auf der verzweifelten Suche nach einer Herrentoilette…

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