Zwei Seetage liegen hinter uns. Zwei Tage, ohne Landausflug, aber auch ohne Internet. In Shanghai hatten die Behörden das Netz ziemlich offen blockiert oder zumindest so gestört, dass man es nicht wirklich nutzen konnte. Man wollte zwar auf StarLink umstellen, aber der Durchsatz ließ doch arg zu wünschen übrig…
Seetage eignen sich prinzipiell für meine Reiseberichte, aber auch für Poolparties und dergleichen. So gab es am Abend des ersten Tages die „Crew-Show“, in der Menschen, die sonst auf dem Schiff Gäste bedienen oder Betten machen, singen, tanzen, skurrile Märchen aufführen oder zaubern. Es ist zum Teil ganz erstaunlich, welche Talente sich in diesem Konglomerat von Menschen und Nationen finden. Dann, am zweiten Tag die Verabschiedung der Crew von den Gästen. Fast alle – bis auf diejenigen, die Dienst haben – stehen auf der Bühne und singen das TUI-Auslauflied von der „Großen Freiheit“. Selbst, wenn man solchen Events skeptisch gegenüber steht. Das hat was.

Nun also der letzte Tag in Asien. Heute Abend – oder besser: morgen um 1:00 Uhr – soll es wieder nach München gehen. Und um die Zeit zu nutzen (die Kabinen müssen bis 9:00 Uhr geräumt sein), haben wir einen Tagesausflug gebucht, der auch den Titel „Hongkong bis zum Abwinken“ hätte haben können, denn wir werden am Flughafen abgeliefert.

Ganz wider Erwarten geht die erste Fahrt nicht zu irgendeinem Tempel, sondern auf einen Berg, auf den Victoria Peak. Zwar wird in Fremdenführern die Peak Bahn als erlebenswert gepriesen, aber die Busfahrt hinauf hat es auch in sich. Zwei Busse kommen kaum aneinander vorbei, die Straße ist meist direkt am Abhang gebaut, extrem kurvig und ebenso, wie von der Bahn, hat man großartige Ausblicke auf die Stadtsilhouette – wobei die Häuser mit zunehmender Höhe niedriger, großzügiger, eleganter werden, ganz den Eindruck vermitteln, dass wer hier wohnt, es geschafft hat (zumindest finanziell).
Weiter geht’s zum Hafen, wo wir in kleine Boote verfrachtet werden, um eine „Hafenrundfahrt“ zu machen. Es ist mehr ein Lückenfüller, bei dem wir eine Viertelstunde zwischen traditionellen chinesischen Wassergefährten rumkurven und zu Schwimmendem gelangen, von dem man erwarten würde, dass es im Angesicht unserer Vorbeifahrt einfach versänke.
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Aber dann, es bleibt nicht aus: Ein Tempel! In der Victoria Street, einer schmalen Einbahnstraße mit wahnsinnig viel Verkehr und Läden, in denen man von Antiquitäten bis zu riesigen Bodenvasen alles erstehen kann, was chinesisch anmutet und teuer ist. Queen Victoria war übrigens Regentin in Great Britain, als Hongkong zu England kam. Daher all diese „Victoria-Namen“ in der Stadt. Allerdings heißt der Tempel nicht – wie vielleicht zu erwarten wäre – Victoria-Tempel, sondern „Man-Mo“, weil er den zwei Gottheiten Man Chesong, dem Gott der Literatur und Mo (der hat bloß den einen Namen), dem Gott des Krieges geweiht ist. 1847 wurde er erbaut und seitdem wohnen die beiden unterschiedlichen Charaktere unter einem Dach – offene Streitigkeiten waren übrigens keine zu sehen, obwohl der Tempel gegenüber anderen Götter-Lokalitäten eher klein, etwas bedrückend, finster und verräuchert ausgefallen ist. Aber es sind auch sehr viele Einheimische zum Beten dort – vielleicht trauen sich die beiden deshalb nicht so recht…

Vom Victoria Peak sahen wir die beeindruckende Skyline der Stadt von oben und aus der Ferne. Da sah alles schön aus. Auf dem Weg zum Tempel „erfahren“ wir jetzt die andere, privatere Seite der Stadt. Die meisten Wohnhochhäuser wirken ungepflegt und runtergekommen, die Farben blättern ab. Viele der kleinen Läden in den Erdgeschossen, die einst Jedermann-Dinge und kleine Dienstleistungen verkauften, Fahrradhändler, Autowerkstätten, haben geschlossen. Ihre Namen und Reklamen sind noch da, aber die Rollläden runtergelassen. Hongkong kämpft mit grassierender Arbeitslosigkeit, seitdem die traditionellen Gewerke, Kleidung, Spielzeug, Elektronik, etc. ins billigere Mainland Chinas abgewandert sind.
In den engen Schluchten zwischen den Wohnriesen, Menschen, die im Freien sitzen, mit Stäbchen hantieren – es ist Mittagszeit. Für uns gibt es wieder Mittag in einem Nobelrestaurant. TUI lässt sich nicht lumpen!

Am Nachmittag noch ein Tempel. Das Chi Lin Nonnenkloster. 33.000 Quadratmeter Tempel und Gartenanlage erwarten uns – und natürlich ist es wieder mal ein sehr (!) bedeutender Ort (wer hätte das gedacht). Aus zweierlei Sicht ist er das aber tatsächlich: Erstens sind alle (!) Gebäude in historischer Holzbauweise der Tang Dynastie erbaut, was bedeutet: Es gibt nicht einen einzigen Nagel in einem der Häuser. Und zweitens fühlt man sich wie in einem klassischen japanischen Garten. Zauberhafte Bonsais von erstaunlicher Größe (man sieht ihnen die jahrzehntelange, geduldige Pflege an), ein Teich mit Pagode, ein Wasserfall. Harmonischer hätten es Japaner wohl kaum selbst hinbekommen.

Nachdem wir zum Abschluss noch die Brücke zum neuen Flughafen bewundert haben, werden wir (endlich) dort abgesetzt, erhalten unsere Bordkarten, passieren die Sicherheitskontrolle und haben jetzt fünf Stunden Wartezeit bis zum Boarding um 0:30 Uhr.
Es meldet sich der kleine Hunger. Hunger auf einen Burger mit ganz profanen Pommes und einem Bier. Nach zwei Wochen Vier- und Fünfgängemenüs mit Wein und Champagner ohne Ende muss das jetzt sein! Und tatsächlich: Irgendwo gibt es hier einen Burgerladen, eine Filiale des Schachtelwirts und einen Standort seines Whopperkonkurrenten. Bloß wo?
Wir irren durch Gänge, fahren Rolltreppen mehrfach rauf und wieder runter, lassen uns von schier endlosen Laufbändern hier- und auch mal dorthin transportieren, finden im Keller schließlich das „Goldene M“ – nur riecht es wenig einladend nach altem Fett und die Schlange an den Bestellautomaten könnte kaum länger sein. Also weiter. Beim Konkurrenten gib’s fast nix mehr. Alles ausverkauft. Am Ende des Hauptganges wirbt ein sehr ordentlich aussehendes Restaurant zwar mit dem Gesuchten, ruft aber Preise auf, die mir spontan meine Abneigung, Taxi zu fahren, in Erinnerung ruft.

Ich nörgele, wir gehen. Aber wie das in einer so alten Ehe nun mal ist, finden wir uns letztendlich doch dort wieder, jeder mit einem etwas drögen Burger, ein paar exzellenten Pommes vor, und einem großen Bier („kleine“ Biere sind 0.5 Liter) neben sich. Beim Zahlen bekommt meine Kreditkarte Tränen auf der Stirn. Für zwei Personen wechseln über 70 Euronen den Besitzer…
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In München ist es kalt und anders. Das Bedienpaneel des Aufzuges ist herausgerissen, niemand, der einem den Weg weist, die Toiletten im Flughafen stinken, finde Deinen Bus allein. Zu Hause werfe ich gewohnheitsmäßig einen Blick in die Tageszeitung.
Ich hätte es lassen sollen!

