Kagoshima ist der Ort „gleich um die Ecke“, das heißt, eine Nachtfahrt von Nagasaki entfernt, wartet mit bestem Wetter und einem beeindruckenden, aktiven Vulkan vor den Toren der Stadt auf. Das könnte schon mal mit dem eher nachdenklichen, trüben Gestern versöhnen. Traurig ist allerdings, dass sich meine Schuhsohlen nach dem Regen abgelöst haben, ich heute also mit „Schlappsohlen“ rumlaufe und zudem am Morgen wieder in immernoch nasse Schuhe einsteigen darf. Echt, das hat schon was. Da fängt der Tag richtig gut an…

Egal, wir wenden uns dem Angenehmen zu! Der Vulkan ist natürlich auf „seiner“ von ihm selbst geschaffenen Insel, aber die gehört auch zu Kagoshima ist quasi ein Stadtteil. Dort leben viele, vornehmlich ältere Leute, die ihren Ruhestand bei angenehm warmem Klima genießen – aber es gibt auch eine Schule. Eine Grundschule. Weiterbildung gibt’s nur auf dem Festland.
Mit den bis zu 1.000 kleinen „Ausbrüchen“ pro Jahr, die oftmals nur Aschewolken produzieren, hat man sich auf der Insel arrangiert (dann wird das Dach eben einmal öfter abgefegt) und für den Fall, dass wirklich mal Lava den Berg runter kommt, gibt es Schutzvorrichtungen.

Wir sind mit der Fähre rübergefahren, schauen uns die zum Teil skurrilen Lavaformationen an, genießen – wie die Rentner dort – für eine Weile das Klima und die herrliche Aussicht von oben auf das Meer mit allerlei vorgelagerten Fischzuchtbetrieben, was uns an die Lachsfarmen in Norwegens Fjorden erinnert. Hier werden aber keine Lachse, sondern Gelbflossen mit einer Länge bis zu einem Meter für den Verzehr gezüchtet – bei uns reicht deren Größe grad mal für ein Aquarium.
Insgasamt muss man sagen, dss dieser Morgen nach dem „gebrauchten“ Tag gestern die reinste Erholung ist! Nur meine Schlappsohlen finden die vielen Treppen des Lavaobservatoriumweges etwas anstrengend. Schlapp, schlapp, schlapp.

Zurück auf dem Festland gibt es ein Wenig Geschichtskunde über die Familie Shimatzu, die hier im Süden Japans über 700 Jahre regierte, in Kagoshima ihren Wohnsitz hatte und ihr Haus mit einem prächtigen Landschaftsgarten umgab. Und den gilt es nach dem Mittagessen ausgiebig zu erkunden.

Gegen Ende der Gartenfreizeit schauen wir uns noch einen Schrein an, der dann leider in großen Teilen abgesperrt ist. Einer Tafel entnehmen wir auch den Grund: Nachfahren der Familie Shimatzu kommen noch immer hier her, um für ihre Vorfahren zu beten. Neben allem, was inzwischen für die Öffentlichkeit zugänglich ist, dieser kleine Teil bleibt privat.
Am Abend, auf dem Schiff gibt’s die ach so beliebte „White Night“ Party am Pool. Bei wem sie auch immer beliebt sein mag, nicht bei uns.
Allerdings ist parallel dazu das Schokoladenbuffet aufgebaut – und mit dem ist es völlig anders! Also ziehe ich – in Ermangelung weißer Kleidungsstücke – einen Bademantel an, nehme ihn aus dem Kleiderschrank, und sehe zu meinem Entsetzen dahinter zwei Regenschirme. Die gehören zur Ausstattung in den Suiten. Das hätten wir mal in Nagasaki wissen sollen. Na egal, wir gehen zum Pool und harren der Buffeteröffnung.

Das tut ganz offensichtlich auch jemand der den Eindruck eines resoluten, eigentlich gehbehinderten Rentners beim Ausverkauf vor dem noch geschlossenen Kaufhaus macht und der nach Öffnung der Türen krückstockschwingend die Grabbeltische für sich reklamiert. Er steht breitbeinig mit mindestens ebenso breit gespreizten Ellenbogen vor der Absperrung ganz nah bei den Tellern, die demnächst von der Besatzung ausgegeben werden sollen.
Der reizt mich! Ich stelle mich ganz dicht hinter ihn.
Menschen haben zwar hinten keine Augen, merken aber, wenn ihnen jemand zu dicht auf die Pelle rückt. Seine plötzliche Körperspannung verrät, dass er es nicht merken will. Nur, gegen sein Unterbewusstsein hat er keine Chance: Wir rücken – fast unbemerkt – etwa fünf Zentimeter nach links. Erst er, dann ich. Wieder spüre ich seine Anspannung, wieder fünf Zentimeter gewonnen. Er traut sich nicht, sich nach mir umzudrehen.
Dann der Fehler: Auf der Bühne wird ein Übersegler (die Seekarte) mit unserer Route versteigert. Es fehlt nur noch die Unterschrift von Frau Kapitän. Das interessiert ihn. Er ist abgelenkt und plötzlich ist seine Körperspannung dahin. Ein ganzer Schritt nach links. Einer von ihm, einer von mir.
Jetzt der Moment, auf den alle gewartet haben: Das Buffet wird eröffnet, die Absperrung entfernt. Katapultartig greift er nach dem ersten Teller – aber den habe ich in der Hand!
Gewonnen!!