Nagasaki

Wer kennt diesen Namen nicht. In Trauer für immer verbunden mit einer der übelsten Machtdemonstrationen der Neuzeit, lebt diese Stadt nach Aussage unseres Bordlektors ein neues, modernes Leben: Mit Parks, alten wiederaufgebauten Tempeln und natürlich dem Museum für den Atombombenabwurf der Amerikaner. Es ist unsere erste Stadt in Japan auf dieser Reise.

Kein freundlicher Empfang: Es schüttet wie aus Eimern.

Und sie empfängt uns nicht gerade freundlich: Es ist windig und kalt. Aber es regnet nicht. Nein, es schüttet! Und zwar wie aus Eimern. Bei solchem Wetter ist keine Stadt schön, aber Nagasaki macht nicht den Eindruck, als wäre sie es bei Sonnenschein. Triste Wiederaufbauarchitektur, fünf- bis sechsspurige Straßen und eine Straßenbahn, die den Eindruck erweckt, als hätte sie den Angriff damals unbeschadet überstanden: Klein, altmodisch rumpelnd. Man steigt hinten ein und vorn beim Schaffner, unter Vorzeigen seiner Fahrkarte, wieder aus.

Wir haben diesmal dem Lektor vertraut, unseren zuvor gebuchten Ausflug storniert und uns eine Tageskarte für eben diese Straßenbahn besorgt. Den berühmten Tempel mit der Schildkröte auf dem Dach und das Bombenmuseum werden wir wohl auch allein finden und besuchen. Leider gibt es an der Rezeption keinen Schirm mehr auszuleihen. Andere waren schneller als wir. Dann müssen eben unsere Schöffeljacken und die Basecaps genügen.

Japaner empfinden direkten Augenkontakt als unhöflich, hatte der Lektor gesagt. Man möge niemandem direkt ins Gesicht schauen. OK, wir werden sehen…

Historisch anmutende Straßenbahn…

Die Straßenbahn ist proppenvoll. Wer nicht brutal drängelt kommt nicht rein und wer drinnen nicht drängelt, kommt auch nicht wieder raus. Die Scheiben sind beschlagen. Alle – auch die des Fahrers. Man sieht nicht, wo man ist. Uns kann das egal sein, wir hören ohnehin nur nach den Nummern der Haltestellen – die glücklicherweise auch auf Englisch angesagt werden. Unterwegs kontinuierliche Werbeberieselung. Ab und an erscheint dazu auf einem Bildschirm, der das Geplärre wohl als japanische Laufschrift anzeigt, eine glückliche Familie, die Holz zu verkaufen scheint.

Wer hier nicht drängelt, kommt weder rein, noch raus!

Das Publikum besteht überwiegend aus Leuten, die ganz normal zur Arbeit oder zum Einkaufen fahren, außer einigen mit – in Deutschland würde man sagen – Abendkleidung. Vor mir steht eine junge Frau in einem knallroten, bodenlangen Kimono und weißem Untergewand, das durch eine große Schleife zusammengehalten wird. Auch der Kimono ist weiß gefüttert. Darunter trägt sie ein schwarzes Top. Woher ich das alles weiß? Nun, sie steht und ich sitze. Und immer, wenn sich jemand an ihr vorbeidrängelt, um zum Ausgang zu kommen – was praktisch an jeder Haltestelle geschieht -, hängt sie sich mit beiden Händen in die von der Decke baumelnden Haltegriffe und beugt sich soweit über mich, dass meine Nase fast in ihrem Oberteil landet. Nicoline ergeht es mit dem neben der Frau stehenden Mann ähnlich, nur dass der einen, im Gegensatz zu ihr, langweiligen Abendanzug trägt. Na ja, Blickkontakt hatten wir tatsächlich nicht…

Der Fukusai-ji-Tempel

An der Museumshaltestelle steigen wir aus. Jetzt erst der Schildkrötentempel, dann das Museum. Der Friedenspark ist bereits dem Wetter zum Opfer gefallen. Wir haben keinen Stadtplan, weil irgendein Depp den Hinweis auf die Stadtinformation um 270 Grad verdreht hatte und wir an der Info vorbeigelaufen waren. Aber ein Paar vom Schiff hat einen und die suchen den Tempel mit der Kröte auch. Wir schließen uns ihnen an.

Dummerweise sind die beiden weder besonders geübt im Lesen von Stadtplänen, noch mögen sie diesbezüglich unsere Hilfe. Demzufolge sind wir, angekommen am Tempel, bereits vollkommen durchnässt. Nicht böse, dass die beiden plötzlich weg sind, gehen wir zurück zur Straßenbahnhaltestelle, stellen unterwegs fest, dass die Figuren eines kleinen Schreins mit roten Plastikumhängen gegen den Regen geschützt wurden – ob sie darüber glücklich sind, erschließt sich uns nicht, weil man ja niemandem direkt ins Gesicht sehen soll. Also belassen wir es dabei festzustellen, das uns so ein Tun durchaus auch gefallen hätte, und suchen mit Hilfe von Google das Museum.

Auch den „Heiligen“ ist nass

Ja klar, Google weiß wo es ist, weigert sich aber beharrlich, uns den Weg dorthin zu zeigen. Und bis wir einen Wegweiser ohne ausschließlich japanische Schriftzeichen gefunden haben… Na ja, nasser können wir eigentlich nicht mehr werden.

Fat Man

Das Museum sei nur etwas für Leute mit starken Nerven, hatte der Lektor gesagt und ich werde mich hüten, einen Schrecken gegen einen anderen aufwiegen zu wollen, aber er war wohl noch nie im Museum von Bergen-Belsen gewesen, hat noch nie das Gefühl erlebt, aus einer Gaskammer auf eigenen Beinen wieder raus- und an den sich anschließenden Öfen zum Verbrennen der Leichen einfach vorbei gehen zu dürfen.

Es reicht. Mittags sind wir zurück am Schiff. Tropfnass und durchgefroren. Abends verabschieden wir uns von Nagasaki mit bedrohlich trübem Wetter…

Abschied in bedrohlicher Stimmung

 

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