Der Peipussee und die zwei Burgen

Das Frühstück im Hotel ist ungeheuerlich! Verschiedene Salate, Fisch, allerlei Undefinierbares in großen Porzellanschüsseln, Aufschnitt und Käse, sowie eine stattliche Auswahl an leckeren Torten. Ich kann mich kaum zurückhalten, von allem etwas zu probieren – und so gibt es schlussendlich Grießbrei mit Vanillesoße und Matjessalat. Ok, das muss man mögen, aber jetzt weiß ich wenigstens, was das Undefinierbare in den Schüsseln ist.

Der Tortenteil des Frühstücks

Von Tartu starten wir in Richtung Peipussee. Er ist der Grenzsee zwischen Estland und Russland und da alle baltischen Staaten bekanntermaßen Angst vor einer neuerlichen russischen Invasion haben, sollte man denken, hier in streng bewachtes oder zumindest intensiv kontrolliertes Gebiet zu kommen. Aber nichts dergleichen. Die Gegend ist einsam und fast verlassen. Ab und an eine kleine, zerstreute, offensichtlich schwach belegte Ferienhaussiedlung, hier und da ein meist völlig leerer Campingplatz.

Die Küste ist gesäumt von einem flachen Schilfgürtel und niedrigem Buschwerk. Davor, vereinzelt Wohnhäuser, sowie auf ca. 30 Kilometer ein oder zwei kleine Kaufläden. Kaum Tourismus, dieser See ist ganz offensichtlich estnisches Insider-Ferienland. Und militärische Anlagen? Bestenfalls ein paar verlassene und halb verfallene Wachtürme. Ansonsten von Militär keine Spur. Aber vielleicht ist alles elektronisch gesichert. Dann sieht man ja nichts davon.

Am Peipussee

Am Nordufer ändert sich der Charakter. Nicht der militärische, sehr wohl aber der touristische. Der Schilfgürtel ist einem lichten Küstenwald gewichen und das flache Ufer einer kleinen Steilküste – höchstens drei bis fünf Meter hoch, aber immerhin. Hier stehen die Ferienhäuser enger zusammen, sind auch die Campingplätze gut belegt. Allerdings verteilen sich auch hier die Urlaubsgäste in dem weitläufigen Gebiet. Der Strand ist weitgehend leer.

Nordküste des Peipussees

Irgendwann erreichen wir nach 40 km öder LKW-Rennpiste Narva. Größer könnte der Gegensatz zu den bislang besuchten Städten gar nicht sein. Man empfängt uns mit sozialistischen Plattenbauten, die zugegebenermaßen besser aussehen als in Vilnius, und einem Kreisverkehr der Extraklasse. Viermal durchfahren wir ihn, ohne zu verstehen, wie es wohl richtig wäre. Erst intensives Grübeln auf den langen Geraden des Rückwegs lässt mich halbwegs verstehen, was ich jetzt aufschreibe.

Einfahrt nach Narva

Der Kreisel hat vier Einmündungen. Die ersten zwei sind einfach. Es geht zweispurig hinein und hinaus. Nach der zweiten gibt es eine dritte Spur und die bisherige Außenspur wird zur mittleren. Bei Ausfahrt drei biegt die neue Außenspur zwangsweise ab, aber die Mittelspur wird nicht, wie zu erwarten wäre, wieder zur Außenspur. Nein, sie muss Wegerecht geben und zwar wahrscheinlich deswegen, weil völlig unklar ist, wieviele Spuren hinzukommen. Hier treffen nämlich direkt in der Einfahrt zum Kreisel zwei Straßen aufeinander, denen man vorsichtshalber gar keine Striche auf dem Asphalt zugedacht hat. Irgendwie sortiert sich das schon, bildet dann aber eine vorrangige Tangente zum Kreisel, in der die wartepflichtige Außen-, nein jetzt ja Mittelspur schließlich aufgeht. Bei Ausfahrt vier darf man diese Tangente auch nach links verlassen, um sich in die dort durch die Einfahrt neu gebildete Zweispurigkeit einzuordnen. Wer jetzt noch nicht auf die Innenspur abgedrängt und dort immer im Kreis herum fährt oder unterwegs einfach umgefahren wurde, ist rum. Wenn man hier wohnt, ist das alles sicher klar und einfach. Wir werden tatsächlich um ein Haar umgefahren. In Narva ist der Verkehr zwar dünn, aber schnell und derb.

Russische Grenze

Und dann stehen wir zunächst einmal vor der russischen Grenze, die gesichert ist, wie ein Gefängnistor. Für jedes Fahrzeug öffnet sich sehr langsam ein schweres Doppeltor, wie eine Käfigtür für wilde Tiere im Zoo, um sofort danach wieder ebenso langsam zu schließen. Man sieht, wie die nun Eingesperrten vereinzelt und wahrscheinlich einer erkennungsdienstlichen Prozedur unterzogen werden. Dann verschwinden sie im Dunkel des Abfertigungsgebäudes. Viele tun sich den Quatsch nicht an. Aber wer’s muss…

Wir irren ein Wenig umher, fahren um diesen und auch jenen Häuserblock, finden aber den ersehnten Blick auf die zwei Burgen nicht. Also wieder zurück zur Grenze und in das dortige Fremdenverkehrsbüro. Die Türglocke signalisiert, dass ich eingetreten bin. Das ist aber auch alles. Stille! Es riecht nach überheiztem Antiquariat – nur dass Bücher und Winter fehlen. Nichts rührt sich. Besucher scheinen hier selten zu sein.

Minuten vergehen. Ich blättere in den estnischen und russischen Broschüren – die deutschsprachigen sind aus (falls es sie überhaupt gegeben hat). Auf dem Cover ist genau der Anblick abgebildet, wegen dessen wir hier sind. Endlich schlurfende Geräusche im Nebenraum. Nein, kein altersgebeugter Bibliothekar kommt, sondern eine noch relativ junge Frau bewegt sich bedächtig langsam hinter den Ladentresen. Ich zeige ihr das Cover und frage, wo ich hin muss, um genau das zu sehen. „Sie fahren links zum Hotel Narva, biegen links ab, dann wieder links und rechts auf einen Parkplatz. Danach zu Fuß hinunter zum Fluss. Dort ist eine Aussichtsplattform über einem Restaurant.“ Immerhin eine präzise Auskunft! Also los.

Hotel Narva hat fraglos bessere Zeiten gesehen. Der Eingang versprüht den Charme einer sozialistischen Einkaufshalle, wie ich sie 1992 in Chemnitz mehrfach kennen gelernt hatte. Das Haus selbst macht den Eindruck, geschlossen zu sein (wir werden allerdings später im Internet eines Besseren belehrt). Links abbiegen. Hinter dem traurigen Vordergebäude bildet der Rest des Hauses ein größtenteils zusammengefallenes Trümmerfeld. Wir biegen wieder ab, finden tatsächlich den Parkplatz. Wenige Minuten später stehen wir auf dem Dach dieses extra für das Panorama der zwei Burgen gebauten Restaurants.

Da stehen sie sich nun also gegenüber, die Hermannsfeste auf der einen und die Feste Iwangorod auf der anderen Seite des Flusses, und das seit etwa 600 Jahren. Rund 240 Jahre stand die Hermannsfeste schon, bis endlich Zar Iwan III sich so bedroht fühlte, dass er 1492 gegenüber seine eigene Burg bauen ließ. Ob sie jemals wirklich gegeneinander gekämpft haben, ich weiß es nicht, aber beide gehörten im Verlauf der Geschichte mal zu diesem und mal zu jenem Reich, zusammen und auch einzeln. Mal war hier eine Grenze, mal nicht. Jetzt ist grad eine da.

Die zwei Burgen

Schließlich gehen wir hinunter ins Restaurant, essen etwas und genießen weiterhin die Aussicht – das einzige Pfund, mit dem diese Stadt wuchern kann. Aber wir sind nahezu allein. So gut wie keine Touristen um uns herum. Ist schon eigenartig. Man kommt sich etwas verloren vor.

Die Bedienung ist mindestens so bedächtig, wie die Frau in der Touri-Info. Alles dauert ewig lang und das gebrachte Essen ist auch nicht das bestellte. Aber, was soll’s, es sieht gut aus, schmeckt ausgezeichnet und ist nur wenige Euronen teurer.

Als wir endlich zurück zu unseren Maschinen gehen, folgt uns schnellen Schrittes ein muskulöser Mensch mit extremer Kurzhaarfrisur, der dem Prototyp eines Mitarbeiters aus einem russischen Inkassounternehmen extrem ähnlich sieht (oh, Du liebes Vorurteil), und ruft uns in broken english zu, dass meine Kreditkarte nicht funktioniert hätte. Ich muss mich zwingen, ihm ins Lokal zurück zu folgen. Hier, Auge in Auge mit dem Reich des Bösen – wie ein amerikanischer Präsident das Land auf der anderen Fluss-Seite einst zu nennen pflegte – und diesem Muskelpaket, mit einer Kreditkarte im Portemonnaie, die seit Jahren fehlerfrei ihren Dienst tut. Kann das Gutes bedeuten? Und im Lokal selbst dann noch so einer…

Die Situation schwankt zwischen wird schon und wird nix hin und her. Aber nach einigem Palaver und intensivem Bemühen von Googles Übersetzer App stellt sich alles als Bedienungsfehler der Kellnerin heraus, die den Betrag für unser Essen zweimal abbuchen wollte, glaubte, das erste Mal habe nicht funktioniert. Wir zeigen den beiden Aufpassern unseren aktuellen Kontozustand auf dem Handy, der sogar zwei korrekte Buchungen ausweist, bieten ihnen auch Bargeld an, was sie nicht haben wollen – und dürfen schließlich gehen. Mein Deo hat zwar inzwischen versagt, aber es ist gut gegangen.

Einen Tag später stellen wir fest, dass die Bank aus Sicherheitsgründen beide Buchungen storniert hat, weil derselbe Betrag innerhalb kurzer Zeit von demselben Gerät noch einmal angefordert worden war. Na ja, wenn wir zu Hause sind, schicken wir eine Mail und überweisen den Betrag. Zechpreller wollen wir schließlich nicht sein.

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