Heute Nacht wache ich mit Sodbrennen auf. Mein Handy zeigt 5:04 Uhr an. Ich schaue kurz in die Tageszeitung und denke, es wäre eine gute Zeit, um noch einmal einzuschlafen (was interessiert mich der aktuelle Tageskram im Urlaub). 4:45 Uhr. Handy kaputt? Keineswegs, denn gerade eben haben wir eine Stunde wieder bekommen – hoffentlich die richtige -, die uns an der Grenze zu Lettland verloren ging. Zeitzonenwechsel! Willkommen zurück im heimischen UTC+1.
Als ich danach wieder wach werde, fahren wir ganz langsam durch den Schärengarten vor Stockholm. Eine der schönsten Hafeneinfahrten, die ich kenne.

Kein Ausflug heute. In Stockholm waren wir mehrfach und kennen uns daher ganz gut aus. Also zunächst zum Rathaus und dann gemütlich durch die Altstadt „Gamla Stan“ schlendern, irgendwo einen Cappuccino trinken und das Flair der Stadt genießen.
Das Rathaus ist – wie man sieht – nicht gerade das schönste oder originellste Bauwerk Stockholms, und es ist innen ebenso schlicht, wie außen, aber man kann hindurch gehen bis ans Wasser, um dort, draußen, am Ende des Weges die Füße in eben diesem baumeln zu lassen – hab ich 2006 auf der Motorradtour zum Nordkap mit meinem Freund Hendrik gemacht…

Auch heute schmerzen die Füße, aber die Altstadt mit ihren Gassen, den vielen kleinen Läden und versteckten Plätzen, auf denen oft ein Denkmal und ein Café zu finden ist, lockt. Nur, gemütlich? Genießen? Von wegen. Geradezu abenteuerliche Tourimassen schieben sich und uns durch die engen Gassen. Wo kommen die bloß alle her? Italienisch, Spanisch, Englisch, natürlich Japanisch oder ist es Chinesisch (?) sind deutlich zu erkennen. Aber der einzige Kreuzfahrer weit und breit ist die „Mein Schiff 1“. Egal, das wird uns hier zu eng. Wenn schon Gedränge, dann bitte bei der Wachablösung vor dem Stadtschloss. Und genau da gehen wir jetzt hin.

12:00 Uhr, „Bitte hinter die Absperrung treten und aufrecht stehen – auch die Kinder – sonst bekommen die Pferde Angst“. 12:15 Uhr, tatsächlich reitet ein Militärorchester mit dröhnender Marschmusik auf den Paradeplatz des Schlosses. Pferde sind schon eigenartige Wesen. Vor sitzenden Kindern haben sie Angst, vor Pauke, Trommel, Trompete, Posaune und Basstuba, samt den direkt auf ihnen hockenden, lärmenden Musikanten aber nicht. Na zugegeben, einige Tiere sind schon etwas nervös, wollen nicht so recht in Reih und Glied stehen, aber die meisten sind von der ganzen Prozedur völlig unberührt. Vor allem der mächtige Kaltblüter mit der Pauke oben drauf. Den bringt rein gar nichts aus der Fassung.
Nachdem die Wachführer ein paarmal die Nationalflagge hin und her geschwenkt und über den Platz getragen, die Wachmannschaften ihre Plätze getauscht und die Musiker dazu gespielt haben, gehört der Platz komplett dem berittenen Orchester, das jetzt, in Formation reitend, Märsche, Operettenmelodien und, ja tatsächlich ein ABBA-Medley darbietet (bei dem übrigens alle Pferde ganz entspannt still stehen – die Musik mögen sie offensichtlich).
Zum Schluss dann die Überraschung: Die Musiker reiten zu den Klängen des Fehrbelliner Reitermarsches vom Platz („Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder haben…“).
Erste Reaktion: Haben die nix Eigenes? Dann aber: Fehrbellin? Schlacht bei Fehrbellin? Richtig, dort kämpften 1675 Schweden und Franzosen gegen Brandenburger – oder besser: umgekehrt. Und weil die Schweden damals unterlagen, konnte dort an der A24 die Raststätte „Linumer Bruch“ gebaut werden. Soviel zu lebendiger Geschichte!

Auf dem Rückweg mache ich ein Foto vom Wachsoldaten in seinem kleinen Häuschen und sehe, der bewegt ab und an den Kopf (es heißt ja auch nur „stillgestanden“, nicht „stillgeschaut“). So entspannt würde die Garde vom Buckingham-Palast das nicht sehen. Die verzögen wohl nicht mal eine Miene, wenn man ihnen das Bärenfell über die Ohren zöge.
Ach, Schweden ist so angenehm locker!
Ein letzter Blick vom Schloss über den Hafen uns dann geht’s wieder zurück zum Schiff. Für heute haben wir genug lahme Beine.

Da ist die Busfahrt sehr willkommen und entspannend, zumal die „Mein Schiff“ ziemlich weit außerhalb der Innenstadt liegt.


Abends dann schon wieder Party am Pool – 80er und 90er (Alter der Songs, nicht der Gäste). Und obwohl das von der Besatzung sehr liebevoll gemachte Obstbuffet reizvoll aussieht, zieht es uns in ruhigere Gefilde – zum Glück findet man die auf dem Schiff immer!
Und so nehmen wir auf dieselbe Weise Abschied von dieser schönen Stadt, wie wir sie am Morgen begrüßt haben: Mit einer wunderbaren Schleichfahrt durch die Schären!
