Gotland – 50 Jahre später..

Das Wetter ist herrlich. Wir beschließen im Buffetrestaurant auf dem Sonnendeck zu frühstücken. Eigentlich hasse ich Buffets und die damit verbundene Lauferei, aber da auf Deck drei, im klassischen Restaurant „Atlantik“, morgens auch nur Buffet angeboten wird,  es aber dort kein Sonnendeck gibt, nun ja…

Und die Sonne muss versöhnen, denn während unten gefräßiger Gleichmut dieses und jenes aus dem Angebot auf die Teller wandern lässt,  wird hier oben geschaufelt, was das Zeug hält bis die Teller überquellen. Wie gesagt, ich hasse… – ach ja, ich wollte „Buffets“ schreiben!

1975, genau vor 50 Jahren waren wir mit den Fahrrädern hier gewesen, hatten neben Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt gezeltet. Heute am Nachmittag machen wir einen Ausflug mit der historischen Eisenbahn zwischen Hässelby und Roma, die es 1975 so noch gar nicht gab, und schauen uns Visby, Gotlands Hauptstadt an. Mal sehen, was die Zeit gebracht hat und  wie Visby jetzt ist.

Aber zunächst besuchen wir eine der vielen Kirchen, die es auf der Insel gibt – 91 an der Zahl. Da ist es eigentlich egal, welche man besucht, denn die meisten stehen in ländlichem Gebiet, gehören zu kleinen und kleinsten Dörfern und sind meist ähnlich ausgestattet. Hübsch anzusehen sind sie in der Regel alle. Nun, wir besuchen die Kirche von Endre, deren älteste Teile aus dem 12. Jhd. stammen.

Die Kirche von Endre

Wie erwähnt, ist der Innenraum recht schlicht gehalten, lediglich die Kanzel und die Leuchter der Kirche lassen auf den einstigen Reichtum der Landbevölkerung Mitte des 15. Jhd. schließen.

Das schlichte Kirchenschiff

Dann geht es weiter zur historischen „Hesselby Jernbahn“. Historisch und 1975 noch gar nicht existent – wie kann das denn angehen? Nun, einem umtriebigen Verein ist es zu verdanken, dass es diese Eisenbahn wieder (!) gibt: 1902 wurde die Strecke Slite – Roma in Betrieb genommen, um Zuckerrüben in die einzige Zuckerfabrik der Insel in Roma zu transportieren (soweit der „historische“ Anteil).

Hesselby Jernbahn

Irgendwann in den 1950er Jahren lohnte sich das nicht mehr – Lastwagen waren schneller, flexibler – und bis 1970 wurden alle Schienen und Wagen der Strecke abgebaut bzw. verschrottet. Besagter Verein rettete drei Wagen, zwei Damplokomotiven und eine Diesellok, kaufte neue (alte) Schienen, verlegte die Strecke, zunächst nur 1,3 Kilometer lang, neu und baute sie mit Mitteln der EU auf die heutigen 15 Kilometer aus. Erst seit den 2010er Jahren werden die neu hergestellten Strecken für Touristen wieder befahren (soviel dazu, dass es sie 1975 noch nicht gab). Ab nächstem Jahr auch wieder mit Dampf.

Der Dom zu Visby

Nach der Eisenbahnfahrt geht es weiter nach Visby. Wir sind etwas enttäuscht. Zwar gibt es das alte Visby innerhalb der gut erhaltenen Stadtmauer noch – klar, die Kirchen und Kirchruinen hat niemand weggeräumt – aber die kleinen Gassen mit den vielen Stockrosen vor den Häusern und dem romantischen Flair der alten Hansestadt findet man nur noch selten, am Rand der Mauer.

Die alte Stadtmauer

Im Kern der Altstadt herrscht dagegen blanker Tourirummel: Ein Restaurant folgt dem nächsten, eine Bar der anderen und dazwischen diverse Eisdielen, deren Preise nicht so lecker, wie ihr Eis sind (in der Waffel, mittlere Größe = 80 SKR – umgerechnet ca. 7,20 EUR). Hatte ich die Deutschen Ostseehansestädte gegenüber Riga etwas abschätzig als leicht altbackene, bemüht denkmalgeschützte Museumstobjekte bezeichnet, dann ist aus Visby ein kommerzieller Rummelplatz im alten Gewand geworden.

Rummelplatz in historischem Ambiente

Nun ja, 50 Jahre gehen eben nicht spurlos vorbei – nicht an Visby und nicht an uns. Aber herkommen müssen wir nicht wieder…

Abends feines Essen im sog. „Esszimmer“, einem der drei Spezialitätenrestaurants des Schiffes. Die „Spezialitäten“ entpuppen sich allerdings eher als gehobene Hausmannskost. Na, immerhin das Wiener Schnitzel verlangt uns wegen seiner Größe einiges ab. Trotzdem: Schön und gepflegt war’s schon!

Gepflegtes Abendessen im separaten Restaurant

 

Die neuerliche Poolparty (das scheint hier zur Gewohnheit zu werden) lassen wir wieder aus, zumal man in Weiß – d.h. für uns, in Ermangelung weißer Kleidung, im Bademantel –  hätte erscheinen sollen, was nun wieder überhaupt nicht unser Ding ist!

ohne Worte…
Die Stille unseres Balkons !

Wir holen einen Gin Tonic aus irgendeiner Bar und verziehen uns in die Stille unseres Balkons, wo wir bei langsam untergehender Sonne das Auftauchen des Lichtzeichens vom  32 Meter hohen Leuchtfeuer „Långe Erik“ in Byxelkrok, an der Nordspitze Ölands, in der Ferne genießen, und schwelgen ein Wenig in Erinnerungen über unsere Fahrradtour nach Gotland 1975 . Damals fuhren wir nach nach Byxelkrog, zur Fähre nach Visby . Und die Plakate am Straßenrand hatten recht: „Öland ist länger als Du denkst.“

Schweden ade. Morgen werden wir weiter nach Dänemark fahren.

 

Montag, Seetag

Infostunde des Kapitäns: Alles, was man über das Schiff wissen möchte und sich nie zu fragen getraut hat.

Ansonsten: Bilder sortiert und gesichert, Geschichten geschrieben, abends Käsebuffet und Ginverkostung.

Wieder nix gekauft… (ach ja doch: Gin).

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