Sonntagmorgen. Um sieben Uhr sollten wir in Gdynia sein. Um 6:45 Uhr war das Schiff bereits von den Behörden frei gegeben worden. Waren neun Knoten doch zu schnell? Absicht war es wohl nicht, denn wir liegen im Kohlehafen und direkt neben uns schaufelt ein Bagger staubigen Kohlegruß von einer Halde auf eine andere. Extraschicht für das Housekeeping…
Das Wetter hat sich auch nicht gerade zum Besseren gewandelt. Wir möchten einen Schirm ausleihen, aber die sind schon alle weg. Also geht es mit „Bordmitteln“ (= Mütze und Kapuze) zur Marienburg, dem größten Backsteinbau Europas, wenn nicht sogar weltweit (hier ein Panorama bei besserem Wetter aus Wikipedia – ja, ja, das darf man verwenden).

Und dieser Bau ist wirklich mächtig. Erbaut im 13. und 14. Jahrhundert ist es eine Stadt für sich. Zahlreiche Gebäude, verbunden durch Gänge, Wege, Höfe, gesichert mit Toren, Fallgittern, Zugbrücken und Pechnasen, beherbergen weite Hallen, Schlaf- Ess- und Versammlungssäle, in denen die Ritter des Deutschen Ordens – die Herren mit den weißen Kutten und dem schwarzen Kreuz im Schild – lebten und politisch, geistig, wie auch geistlich wirkten.

Leider wirkt unser Burgführer zwar kenntnisreich, aber doch eher desinteressiert und erinnert damit stark an die griechische Plapperpedia, die uns damals auf Kreta ohne Luft zu holen in 30 Minuten die komplette Geschichte der Insel präsentierte. Er spult in zwei Stunden ein atemberaubendes Programm in Form eines „Rundgangs“ durch die gesamte Burg ab („folgen Sie mir, Vorsicht Stufen, Kopf einziehen…“) und ich bin nach der zehnten Schilderung einer Saalbestimmung, der zwanzigsten Übersetzung lateinischer Inschriften und dem x-ten Bericht über das Tun und Lassen eines Ordenshochmeisters nur noch bemüht, keine der finsteren Treppen runter zu fallen oder über mittelalterliches Kopfsteinpflaster zu stolpern.

Dass die Burg eigentlich aus drei Teilen besteht, der Vorburg, dem Mittel- und dem Hochschloss, erfahren wir – wenn überhaupt – lediglich beiläufig. Auch, wofür diese Burgteile gedacht und genutzt wurden, bleibt im Schwall seiner Erklärungen reine Nebensache. Lediglich die Namen der verschiedenen Hochmeister und deren Lebensdaten kommen immer wieder zur Sprache (z.B. derer vom Foto: Hermann von Salza, Siegfried von Feuchtwangen, Winrich von Kniprode und Albrecht von Brandenburg – von links nach rechts). Aber was sie in der Burg gemacht haben und vor allem warum, geht zwischen architektonischen Hinweisen und dem ewigen „kommen Sie, hier entlang“ einfach unter. Außerdem ist es derart voll von Menschen, dass man kaum in der Lage ist, die Räume in ihrer Gesamtheit richtig zu erfassen. Mein Trost: Es geht mir nicht alleine so und draußen regnet es. Also: weiter.

Die Lektüre von Wikipedia wäre nachhaltiger und informativer gewesen. vor allem wird dort darauf hingewiesen, dass es einen elektronischen Burgführer (Audioguide) gibt, der in einer kurzen und einer langen Version erhältlich ist. Damit hätte man an der einen oder anderen Stelle sicher ein Wenig verweilen können, um sich in die Situation, die Architektur oder vielleicht sogar in die Historie eindenken zu können. Denn ich meine, genau das wäre an diesem Ort nötig gewesen.
Am Abend wird es gefälliger. Der Kapitän stellt sich und seine Offiziere vor. Den wichtigsten natürlich zuerst: Den Chefkoch! Er kommt aus Bali, ist der kleinste, hat aber die größte Mütze auf (ha, ha). Der Posten des Sicherheitsoffiziers ist mit einer Frau besetzt. Sie kommt aus Leer… Aber da in den Geschichten über Ostfriesen eigentlich immer die Männer Töffel oder Trottel sind, habe ich ein gutes Gefühl, was die Sicherheit an Bord angeht!