Kul(t)tour durch Schweden

Von Åland machen wir eine Kreuz- und Querfahrt nach Grisslehamn. Als Minikreuzfahrt wird die simple Fährfahrt quer über den südlichsten Teil des Bottnischen Meerbusens nämlich auch dem gemeinen Urlaubsvolk schmackhaft gemacht, das dann mitfährt, ohne irgendwo hin zu wollen.

Und die Stimmung an Bord ist großartig! Eine Zweimannband heizt den zumeist schwedischen Gästen tüchtig ein, die, ob des üppigen Konsums diverser zollfreier Alkoholika, freudig und ausgelassen mitsingen. Wir halten uns an alkoholfreies Bier.

Eine feucht, fröhliche Überfahrt

Schweden empfängt uns wie erwartet. Wald, Wind, blaue Seen unter blau-weißem Himmel an saftig grünen Wiesen, auf denen rote Holzhäuser mit weißen Fenstern stehen. Postkartenschweden. Ich frage mich, woher die Bauern hier Ihre grünen Wiesen haben,  nach diesem Sommer, in dem die Birken bereits Herbst ausgerufen und alle Blätter trocken-braun eingefärbt haben. Gibt’s hier analog zu Rollrasen Rollwiesen?

Überall in Schweden

Die erste Nacht verbringen wir in Gävle, einer kleinen Industriestadt an der Küste, die eigentlich etwas zu Unrecht kaum bekannt ist. Immerhin gibt es ein kleines Zentrum mit sehr schönem Ambiente, ein kleines Schloss und eine Innenstadt, die sich durchaus sehen lassen kann.

Wir schlendern entlang der Hauptstraße vom Rathaus zur Oper und landen (wie von Geisterhand geführt) bei Max, einer schwedischen FastFood-Kette in Konkurrenz zum goldenen M. Es wird natürlich kein kulinarisches Ereignis, dieses Abendessen, aber es weckt lustige Erinnerungen an meine Nordkapfahrt 2006, wo ich mit Hendrik, meinem damaligen Begleiter, zum ersten Mal in Luleå ein Maxmål (sowas, wie ein Menü beim Schachtelwirt) aß und wir das Publikum, das häufig mit einer bereits gut gepflegten Burgersammlung auf den Hüften den Laden betrat, in die Kategorien Max-, MaxMax- und MaxMaxMaxmål einteilten. Hendrik erhält ein Foto per WhatsApp…

Im Zentrum von Gävle

Am nächsten Tag fahren wir weiter in Richtung Falun und dem nahe gelegenen Sundborn, unserem ersten Kulturstopp in Schweden. Vorbei an zahlreichen Seen und durch trotz der Trockenheit saftig grüne Wälder. So haben wir uns Schweden gewünscht, auch wenn das Ganze schon einen leicht kitschigen Beigeschmack hat…

Postkartenschweden

Schließlich erreichen wir Sundborn. In diesem kleinen Dorf zwölf Kilometer nördlich von Falun, lebte und arbeitete der Maler Carl Larsson mit seiner Frau Karin und acht Kindern bis in die Jahre der vorletzten Jahrhundertwende.

Er ist bekannt für seine Haus- und Familienbilder – von denen viele als Nachdruck bei uns im Flur hängen. Sie beschreiben den Alltag der Larssons, welcher für die damalige Zeit geradezu revolutionär modern war. Es wurden in Diskussionen und Entscheidungen immer alle Personen aktiv einbezogen und nicht nur der Vater hatte als Patriarch das Sagen, auch seine Frau und die Kinder. Ebenso überwand er die damals übliche Trennung zwischen Haus und Garten, indem er immer wieder beides miteinander verband – im Leben, wie in seinen Bildern. Ein Beispiel: Gegessen wurde, wenn möglich, im Garten, nicht im Haus, und jeder bekam ein andersartiges Glas, ein zum Nachbarn unterschiedlich gefasstes Messer, einen anders geformten Teller. So wurde das sonst übliche Schweigen am Tisch ohne Mühe überwunden und alle unterhielten sich schon deswegen bunt durcheinander.

Der Garten, in dem häufig gespeist wurde
So hängt es bei uns im Flur
Das Wohnhaus – unverändert seit seinen Lebzeiten

Wir genießen eine Führung durch das Haus dieser schwedischen Künstlerikone, in dem tatsächlich alles noch weitgehend so zu sehen ist, wie er es auf den Bildern dargestellt hat. Eine Familienstiftung kümmert sich darum, dass es so bleibt und dass alles erhalten wird – denn ein Teil des Gesamtensembles ist privat, die Nachkommen nutzen es noch heute.

Unvorsichtigerweise legt Nicoline ihre Brille auf die Gepäckrolle, um sich den Helm für die Weiterfahrt aufzusetzen – und vergisst sie dort. Wir merken den Verlust erst am Hotel in Falun und ich darf wieder nach Sundborn zurück und die 12 Kilometer noch einmal im Schleichtempo absolvieren, immer auf der Suche nach dem guten Stück. Ein eigenartiges Gefühl, wenn man während der Fahrt hoch konzentriert auf den langsam vorbei gleitenden Straßenrand schaut und dann an einer Kreuzung anhält, bewegt sich die ganze Landschaft noch eine Weile weiter. Irritierend. Natürlich finde ich die Brille nicht und so müssen wir zusehen, dass ihr ein Optiker wenigstens eine Lesehilfe verkauft. In der Ferne sieht sie auch ohne recht ordentlich.

Unsere zweite Nacht bleiben wir in Falun, dieser Stadt, die so sauber und aufgeräumt ist, dass sie jede Gemütlichkeit vermissen lässt. Natürlich gäbe es hier noch die berühmten Kupfergruben zu besichtigen, aus deren Erz die rote Hausfarbe Falunrot gewonnen wird (gemeinhin auch als Ochsenblut bezeichnet), aber so recht Lust dazu haben wir nicht. Wir entscheiden uns, direkt weiter über Mariestad nach Vimmerby zu fahren.

Am Götakanal nahe Mariestad

Wer kennt schon Vimmerby? Viele, sogar sehr viele Menschen kennen Vimmerby ohne es zu wissen – sie kennen es als Bullerbü! Es ist das Vorbild für Die Kinder von Bullerbü, Michel aus Lönneberga, das praktisch gleich um die Ecke liegt und wirklich so heißt (auch, wenn die Geschichte dort gar nicht spielt…), und viele andere Geschichten von Astrid Lindgren. Hier in der Nähe wurde sie geboren, verbrachte ihre Kindheit, ihre Schulzeit. Mit 18 Jahren zog sie fort, die Grundlage für ihre späteren Bücher in Herz und Kopf behaltend.

Wer kennt ihn nicht, den Buckelvolvo…
Pippi veralbert die Dorfpolizisten – jeden Tag dreimal…

Inzwischen gibt es hier die Astrid Lindgren Värld, einen Themenpark, Legoland nicht unähnlich. Und wir, als ehemalige Leser, Vorleser und frisch gebackene Großeltern, müssen uns den Besuch dieser Attraktion natürlich antun.

Gebrüder Löwenherz oder Ronja Räubertochter – das ist hier die Frage!

So wandern wir also zweieinhalb Stunden von Klein-Bullerbü nach Saltkrokan, zur Burg der Gebrüder Löwenherz und durch viele andere Buchszenerien, von Theateraufführungen zu musikalischen Darbietungen – immer wieder schwankend zwischen gedanklicher Retrospektive mit einem Sechs- an der einen und einer Dreijährigen an der anderen Hand, und dem Wunsch, in irgendeiner Zukunft vielleicht mit den Enkeln hier zu sein. Es ist ein aktives Spiel- und Abenteuerland. Alle Bauten sind auf Kindergröße geschrumpft, alles kann begangen, erobert, erkundet und bespielt werden. Einfach toll! Man möchte direkt nochmal Kind sein…

Ein Gewitter erinnert uns daran, dass wir noch einen weiten Weg zur Unterkunft vor uns haben, denn in Vimmerby war nichts zu bekommen. Und dann packt uns der Zug nach Hause. Noch abends im Hotelzimmer buchen wir die Fähre Trelleborg – Travemünde.

Schweden ade, Skåne ade

So wunderschön Schweden an sehr vielen Stellen ist, so traurig war ich, dass viele der vor 12 Jahren noch sehr gemütlichen Strecken, jetzt dreispurige Schnellstraßen mit Vmax bis zu 110 km/h geworden sind. Für die Schweden selbst, sicher eine Errungenschaft – ist doch die Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen mit 70 km/h sehr begrenzt, womit jede Ausnahme dankbar angenommen wird – für uns, die wir unseren Reiseweg vorher geplant hatten und jetzt doch manchmal enttäuscht sind, wird es damit eben Zeit, mal wieder nach den eigenen Möbeln zu schauen.

Tja, da sitzen wir nun in einem Restaurant am Marktplatz von Trelleborg und warten darauf, dass es später wird. Genug herum getrieben, genug Burger gegessen, genug HotDogs. Noch vier Stunden, dann sind wir an Bord.

Es geht nach Hause!

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