Europas Mitte und ein Berg aus Kreuzen

Senatoriai

Die Nacht ist grausam. Bis 23:00 Uhr Betrieb im Souterrain-Teil des Hotels – also direkt unter unseren Fenstern, die mangels Klimaanlage geöffnet sind. Im Zimmer ein Ventilator. Schön, aber auf Dauer nervig. Danach diverse Ein- und Ausparker auf dem Hinterhof, deren Fahrer gern mal mit den Türen knallen, sich die inzwischen zusammen gestellten Stühle des Hotels wieder auseinander nehmen und lautstark über Gott und die Welt diskutieren – übrigens auch über unsere Maschinen, wie wir an der dick verstreuten Zigarettenasche auf unseren Koffern und Sitzmöbeln am nächsten Morgen sehen werden.

Unser Komfortzimmer

Gegen 3:00 Uhr schaue ich aus dem Fenster. Der Fahrer eines Lieferwagens, der unsere Maschinen fachgerecht zugeparkt hat (genau, der auf dem Bild), fährt gerade mit dem Taxi davon. Eine hervorragende Basis, um wieder einzuschlafen. Rund 90 Minuten später liefern sich Motorräder und PS-Boliden mit hoher Drehzahl Rennen auf dem Kopfsteinpflaster vor der Kathedrale – und um 6:30 Uhr läutet diese zum morgendlichen Gottesdienst.


Der Tag ist grau! Keine Sonne. Nur ein feucht-diesiger, wolkenverhangener Sonnabendmorgen. Das Frühstück ist nicht der Rede wert! Rohes Gemüse, Haferflockenbrei, steinhartes Brot. Der Kaffee, gerade noch genießbar. Nur beim Tee aus dem Teebeutel kann nichts schief gehen. Wie bekommen wir bloß die beiden Tiger aus dem Eckchen wieder raus?

Ich frage an der Rezeption, ob man den Fahrer des Lieferwagens kennt, ihn vielleicht erreichen kann. Ja, man kennt ihn. Er kommt alle paar Wochen, parkt hier. Aber seinen Namen oder gar seine Telefonnummer…? Ich könnte doch einfach über den Hartgummibumper fahren – oder?

Ich weiß nicht einmal, ob ich auf dem kleinen Eckchen die quer stehenden Maschinen jetzt noch rangieren kann, ohne den Lieferwagen zu zerdellen, geschweige denn, dass ich sie in eine Aufstellung brächte, aus der heraus ich vorwärts über dieses 15cm-Hindernis fahren könnte. Aber Versuch macht bekanntlich klug und es gelingt mir tatsächlich, rückwärts zwischen Bumper und dem vor der Mauer platzierten rostigen Rest einer Schrankenanlage für die Einfahrt heraus zu jonglieren.

Also los, zum Mittelpunkt Europas. Mit Hendrik war ich am Nordkap, in Gibraltar und in Portugals Sternengebirge. Zusammen mit Nicoline war ich am Nordkap und auf dem Mond – dem Ilfjordfjell zwischen Kirkenes und dem Porsangen. Warum also jetzt nicht mal in die Mitte Europas?

Aus der morgendlich leeren Stadt heraus zu fahren ist kein Problem. Dann immer geradeaus nach Norden. TomTom zeigt mir noch 29 Kilometer an. 29 km geradeaus. Mit 90 km/h. Die Müdigkeit liegt wie Blei in den Knochen. Meine Gedanken schweifen ab. Das Lesen von Schildern – ein probates Mittel, um bei Langeweilefahrten wach zu bleiben – habe ich mir bereits vorgestern abgewöhnt. Sinnlos! Was kann man, als dem westgermanischen Sprachstamm Zugehöriger, mit einer Sprache anfangen, in der Kinder Vaikai heißen?

Plötzlich, nach TomTom fünf Kilometer zu früh, eines dieser zahllosen braunen Hinweisschilder, die in Litauen auf jeden historischen Pups verweisen, mit irgendwas von Europa darauf. Aufwachen, Blinker setzen, bremsen und links abbiegen, sind praktisch eine Aktion. Aber die hätte mich fast in die ewigen Jagdgründe katapultiert, denn hinter mir hat gerade ein PKW zum Überholen angesetzt. Jetzt düst er zentimeternah rechts an mir vorbei. Die nächsten 500 Meter verbringe ich damit, meinem Schutzengel geistige Devotionalien zu reichen.

Am Mittelpunkt Europas

Der Mittelpunkt Europas ist langweilig. Eine Säule, 26 Flaggen, ein Stein mit einer Inschrift. Das ist alles. Außer uns ist hier niemand. Foto – und weg.

Es ist noch immer trüb, aber die Nebenstraßen, die wir jetzt befahren, muntern doch etwas auf. Immerhin gibt es Waldstücke, ab und an ein Dorf und sogar einige Kurven. „Biegen Sie links ab, dann nehmen Sie die Fähre“, sagt TomTom. Wo bitte links ab? Welche Fähre? Wir sind mitten im Wald und einen Fluss habe ich zuletzt in Vilnius gesehen.

Aber nach 50 Metern führt tatsächlich ein Schotterweg links einen Hang hinab, aus dem Wald heraus an einen Fluss, und unten ist auch wirklich so etwas Ähnliches, wie ein Anleger, den so etwas Ähnliches, wie eine Fähre gerade von der Gegenseite des Flusses her ansteuert. Whow, A-ben-teu-er!

Hier heißt es Augen zu und durch, um auf die Fähre aufzufahren, denn nur ein paar Holzbretter überbrücken den ausgeschwemmten tiefen Absatz zwischen Anlegeponton und Ufer – und zwischen den Brettern ist genügend Abstand, um mit dem Vorderreifen dazwischen zu fahren und stecken zu bleiben. Nicht nur mir stehen die Haare zu Berge…

Auf der anderen Seite Ähnliches – nur dass hier auch noch viele Leute herum stehen, die interessiert schauen, wie blöd wir uns wohl anstellen, den ausgespülten, steilen Schotterhang hinauf zu kommen. Aber alles geht bestens und dass es oben geschottert weiter geht – na ja, das ist dann halt so. Allerdings nur bis zum nächsten Abzweig. Ab da ist die Straße nur noch ein sandiger Wald- bzw. Gartenweg. Hoffentlich kommt keiner entgegen…

Ist das noch eine Straße???

Es kommt niemand und mit einer Mischung aus Haupt-, Neben- und weiteren unbefestigten Straßen erreichen wir Kurtuvenai, wo wir am Fuße einer für diesen 20 Häuser-Flecken völlig überdimensionierten Basilika erstmalig im Urlaub auf einem hübschen kleinen Campingplatz unsere Villa Faltenreich, unser neues Zelt für altersgerechtes Wohnen, aufschlagen.

Villa Faltenreich

Zu meinem Entsetzen fragt mich die freundliche Frau an der Rezeption ob ich das Zelt „dort hinten beim Festival“ aufstellen will. NEIN! Bitte kein Festival! Bitte nicht noch eine schlaflose Nacht! Wir fliehen in die möglichst entfernteste Ecke und bauen auf. Aber es ist ein sehr kultiviertes Kulturfestival und das einzige, was wir davon im Halbschlaf noch mitbekommen werden, ist das Feuerwerk gegen Mitternacht.

Nun, zunächst meldet sich allerdings der kleine Hunger und wir gehen zu einer nahe gelegenen Gaststätte, bei der man schön draußen sitzen kann. Es gibt frisches Bier und ein Storch stolziert wie ein Haustier seelenruhig im Garten herum. Ein Idyll. Leider ist die Speisekarte ausschließlich in Litauisch verfasst und die Bedienung versteht weder Englisch noch Deutsch.

Der Storch im Garten

Ich gehe ins Haus – und mir verschlägt es den Atem. Der Raum ist finster und die Luft kann mit Messer und Gabel genossen werden, denn der Durchgang zur Küche hinter dem Bartresen besitzt keine Tür. Dort aber erzeugt eine rundliche ältere Dame mit Händen und Füßen abwaschtuchschwingenderweise bläuliche Schwaden schweren Essensdunsts, die dem winzigen Fenster an der Seite des Bartresens zustreben.

Hinter diesem zapft ein Mann Bier, kommandiert die Bedienung und wird selbst von besagter Dame aus der Küche befehligt. Nach einiger Zeit greift er eine Karte mit einer Seite auf Englisch und drückt sie mir in die Hand. Ich finde tatsächlich den wenig englischen Begriff Pommes Frites und zeige darauf. Er sagt, die gäbe es nur am Wochenende. Ich wende ein, heute sei Wochenende. Worauf er etwas pampig erwidert, es gäbe trotzdem keine. „Es gibt nur das!“ Er zeigt auf eine Zeile im nicht-englischen Teil der Karte. Jetzt bin ich also so schlau wie zuvor.

Wieder an der frischen Luft, bemerke ich, dass alle Gäste dasselbe essen. Es gibt offenbar überhaupt nur das, worauf er drinnen gezeigt hat. Und das sind riesige Kartoffelklöße mit einer wieder leicht angegammelt schmeckenden Hackfleischfüllung in einer tiefen Schüssel mit unendlich viel ausgelassenem Speck und ebenso unendlich viel Sauerrahm. Heute müssen wir beide mutig sein…

Unachtsam, wie wir waren, haben wir unser Zelt ziemlich genau unter einer der Platzlaternen aufgebaut und stellen jetzt am Abend fest, dass es eine gehörige Menge fliegender Biomasse in unserer Villa ebenso heimelig findet, wie wir. Ob die alle stechbereit sind…?

Der Tag war anstrengend – gute Nacht!

Die Antwort lässt sich am Morgen an Fußgelenken, Unterschenkeln und -armen deutlich ablesen. Ja, man war stechbereit! Gut, dass wir einen Azaronstift dabei haben.

Und um dem fliegenden Treiben heute Abend Einhalt gebieten zu können, laufe ich zum Kaufmann nicht nur, um Brötchen zu holen; stöbere dort etwas hilflos in litauisch beschrifteten Spraydosenbeständen und finde schließlich eine ziemlich große Dose mit dem entscheidenden englischsprachigen Hinweis: Kills everything that flies! That’s it! Die muss mit!

Bereits auf dem Weg zum Kaufmann ist mir aufgefallen, dass die Kulturellen heute morgen Lieder singen. Ob Volks- oder Kirchenlieder bekomme ich nicht heraus, aber es hört sich nett an. Dass sie mittags immer noch singen, ist schon deutlich nerviger –  aber wir sind ja weit weg. Und als wir uns bereit machen, um zum Berg der Kreuze zu fahren, singen sie immer noch. Mann, haben die eine Ausdauer…

TomTom weiß mit Kulturellem nicht viel anzufangen und so zeigt es uns den Weg zum Berg der Kreuze ebenso falsch an, wie gestern die Entfernung zum Mittelpunkt Europas. Als wir dann etwas ratlos irgendwo im Nirgendwo unter glühender Sonne in trostlosester Pampa stehen, taucht plötzlich wie aus dem Nichts ein Traktorist mit seinem riesigen Trecker auf und beschreibt uns mit Händen und Füßen den richtigen Weg. Man hätte es sich ja denken können: Weit und breit kein braunes Hinweisschild. Da kann so ein Touristenmagnet doch gar nicht sein.

Berg der Kreuze

Endlich sind wir angekommen. Und es ist beeindruckend. Dieser nur 10 Meter hohe Hügel, diese alte Wallfahrts und Pilgerstätte besteht praktisch nur aus Kreuzen. Aus großen und noch größeren, ausladenden, gewaltigen, mit Sockel, ohne, aus Holz, aus irgendwas, aus was auch immer. Aus kleinen schlichten, schön verzierten, einfachen aus zwei Ästen zusammen gebundenen, geschnitzten, geschraubten, genagelten, aus wie auch immer erstellten Kreuzen. Behängt mit Rosenkränzen, mit Wunschzetteln, Dankeszetteln, Namen, Adressen, Daten Verstorbener, Lebender. Dazwischen Engel, Bilder, Devotionalien, Kerzen – wir.

Kreuze, nichts als Kreuze

Ob man will oder nicht, dieser Ort übt Faszination aus, steht für festen Glauben und für Widerstand gegen diejenigen, die im Glauben Gefahr für ihre eigene Macht sahen – die Sowjets. Immer wieder haben sie versucht, den Berg zu beseitigen, haben die Kreuze niedergewalzt, eingeschmolzen und vergraben. Und immer wieder entstand der Berg neu. Er war und ist nicht zu beseitigen!

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