Start mit Industrieromantik

Unsere Tour rund um die Ostsee beginnt etwas holprig. Eigentlich wollen wir durch Polen nach Litauen reisen, müssen diesen Plan aber aus Zeitgründen aufgeben und wollen nun statt dessen ab Kiel mit der Fähre nach Klaipeda fahren. Und dann kommen mir noch meine Augen dazwischen, die im Hamburger Unikrankenhaus ungeplant, aber fachkundig, Sonntag morgens mal eben zwischendurch gelasert werden. Die Frage, ob wir überhaupt losfahren, stellt sich mehrmals. Aber außer einer Woche striktem Lese- und Schreibverbot erhalte ich vom Arzt nur ein „na dann mal gute Reise! Also los:

Zunächst trödeln wir etwas durch Schleswig-Holstein. Hamburg – Kiel könnte man natürlich in einer Stunde über die Autobahn schaffen, aber uns steht der Sinn eher nach genüsslichem Wiedererkennen alter Pfade. Strecken, auf denen wir vor Jahrzehnten mit über reichlich vollgepackten Fahrrädern für den Urlaub im Schwarzwald trainiert haben, Stichwort: Holsteinische Schweiz. Die Schwentine, auf der wir damals gepaddelt sind, um zu sehen, ob unser alter, „geerbter“ Pouch Wanderzweier den Dalslands Kanal durch halten wird oder Wendtorf, diese schreckliche Bausünde an der Kieler Außenförde, von deren Hafen wir 15 Jahre lang zu kleinen und großen Segeltörns aufgebrochen sind. Das ist alles lange her…

Wendtorf

Für die Fahrt ab Kiel haben wir die Reederei DFDS Seaways gewählt, weil die im Gegensatz zur TT-Linie direkt fährt und weil wir auf der Route Oslo – Kopenhagen von der DFDS-Fähre sehr angetan waren – komfortabel, gemütlich, gepflegtes Bier, gepflegtes Essen, ruhige Kabine. Dieses Schiff heißt Victoria Seaways und ist anders: Ein reines Arbeitstier.

Unsere Bikes stehen auf Deck zwei, sehr warm und sehr weit unter der Wasserlienie. Ich schultere unsere Koffertaschen mit den Daypacks und suche den Aufzug. Es gibt keinen, dafür aber steile Stahltreppen! Auf Deck fünf bin ich so durchgeschwitzt, wie den ganzen Tag nicht – und der hatte immerhin 31,5° C zu bieten. Hier ist die Rezeption, zu der ich mit letzter Kraft hin schleiche, um die Kabinenkarten abzuholen. Unsere Bleibe für die Nacht liegt auf Deck sechs. Also noch eine Treppe.

Aber die Kabine ist gemütlich!

Dann endlich raus aus dem Motorraddress, geduscht und ab auf das Außendeck. Da gibt’s doch sicher ein Bier und passendes Gestühl, um das Auslaufen aus dem Hafen und der Förde genießen zu können.

Bier bekomme ich mit einiger Mühe an der Bar, die bereits von russisch oder litauisch sprechenden Truckern belegt ist und das passende Gestühl sind sechs (!) Bierbankgarnituren. Die meisten Mitreisenden sitzen einfach auf dem Boden des Hubschrauberlandeplatzes und verzehren Mitgebrachtes. Wir haben Glück und ergattern einen der raren Bierbankplätze mit Ausblick auf zahlreiche 40-Tonner-Auflieger, müffelnde Tiertransporter und allerlei dazwischen gequetschte Wohnmobile.

Die untergehende Sonne lässt den schwarzen Schornstein des Schiffes rotgolden leuchten. Industrieromantik!

Industrieromantik

In den Salons plärren Fernseher mit russischem Programm – jeder zeigt ein anderes. Die Trucker mögen das, kann man sich doch seinen Lieblingsfilm durch einfaches Hinsetzen aussuchen. Wir sind nicht nur ein wenig enttäuscht, verbringen viel Zeit in der Kabine und dösen vor uns hin. Meine Augen danken es mir!

Gute Nacht, Kiel!

Morgens ein rustikales Frühstück. Rote-Beete-Salat, Gurken, Tomaten, Selleriesalat, Rettichsalat. Dazu warmer Haferflockenbrei und Blinis, etwas Gummiartiges, das wie durchgegarte Formspiegeleier aussieht und eine Auswahl lauwarmer Konfektionswürstchen, begleitet von einem ansehnlichen Berg fettem, garantiert nicht knusprigem Bacon. Wurst und Käse in der Standardausführung eines Zweisternehotels, dazu pappige Croissants von vorgestern und süßes Graubrot mit eingebackenen Sesamkörnern. Der fertige Tee (welcher auch immer das gewesen sein mag) im Automaten ist alle, Beutel und heißes Wasser gibt es nicht. Es ist nur noch Kaffee da. Es gab schon Tage, die besser anfingen. Mittags, Ähnliches. Hier isst man, um satt zu werden, nicht, weil es schmeckt!

Ein Kommentar zu “Start mit Industrieromantik”

  1. Habe gerade Detlef DIESE Erlebnisse vorgelesen. Respekt, dass das alles so geklappt hat. Wir drücken die Daumen ganz doll, dass es damit erledigt ist und das Leben wieder bunt ist.
    Gute Reise!!!! Und liebe Grüße aus der Heimat
    Grit und Detlef
    Ich bin nach wie vor beigeistert, dass Du die Gruppe erstellt hast!!!! Grit

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