Wer oder was, bitte, ist Tartu?

Riga macht es uns schwer. Im morgendlichen Berufsverkehr mitten durch die Stadt ist wenig lustig. Für etwa 10 Kilometer brauchen wir fast eine Stunde. Gut, dass eine ganze Reihe von Bussen hier mit Oberleitung fahren, aber es stinkt trotzdem gewaltig – nicht nur uns. Danach – wie könnte es anders sein – vierspurig geradeaus, mit breitem Grünstreifen in der Mitte. Es sind sogar 110 km/h erlaubt.

Urplötzlich kommt aus dem Wald rechts ein Radfahrer. Schlingert vom Standstreifen auf die rechte Fahrspur, bremst den Verkehr drastisch runter und eiert seelenruhig rüber auf die Überholspur. Keiner hupt, aber es hat auch keiner Zeit. Also wird von rechts nach links und von links nach rechts gedrängelt, was das Zeug hält. Ein großer Kombi versucht mich von hinten auf den Standstreifen zu bugsieren, bis ich ihm die linke Faust direkt vor die Windschutzscheibe halte und anzeige, dass ich keineswegs die Absicht habe, seinem Ansinnen nachzukommen. Widerwillig drängt er den links neben ihm in Richtung Grünstreifen und düst weiter. Der Radfahrer hat inzwischen eine Wendespur in eben diesem Grünstreifen gefunden (ja,ja, sowas gibt’s hier) und macht jetzt dasselbe Spiel andersherum auf der Gegenfahrbahn. So quert man hier Autobahnen!

Die Grenze zu Estland

Nach etwa 30 Kilometern biegen wir ab in Richtung Estland. Langsam verändern sich Landschaft und Straßen. Die Geraden sind nicht mehr so lang, die Straßenschneisen werden schmaler, es gibt Wald und Wiesen, Moore und Felder, sogar Schatten, d.h. es gibt wirklich etwas für’s Auge. Geht das so weiter, könnte Estland richtig schön sein – und ja, es geht so weiter!

Wenn Tallinn die Seele Estlands ist, dann ist Tartu das Herz“, so sagt man hier. Aber wer kennt schon diese zweitgrößte Stadt des Landes, die Estlands größte Universität besitzt und in der ein internationales Zentrum für Computerkriminalistik angesiedelt ist? Hier werden Leute – u.a. für die NATO – ausgebildet, die dem Feind auf seine cyberkriminellen Schliche kommen sollen – und kommen.

Stadtimpressionen

Es ist ein Fehler, diese liebenswerte, pittoreske Stadt nicht zu kennen. Ihr historischer Kern ist klein, aber wirklich hübsch anzusehen. Viel Grün, viele Parks, der Fluss Emajõgi geht hindurch, der mit ca. 100 km Länge der größte in Estland ist und an dessen Ufern sich die Leute abends sonnen oder in Bars vergnügen. Und lebendig ist es hier. Ein Lokal an dem anderen und alle sind gut besucht. Relativ wenig Touristen, viele junge Leute. Wir verlassen ein Restaurant, nachdem uns der Kellner freundlich bedauernd darauf hingewiesen hat, dass wir etwa 60 bis 90 Minuten auf bestelltes Essen warten müssten, weil so einfach so viel zu tun ist. Na egal, Auswahl gibt’s genug.

Einer der zahlreichen Parks

Unser Hotel liegt mitten im Zentrum, direkt am Rathausplatz. Zur Universität ist es nur ein Katzensprung. Also stehen wir abends vor dem großen Hauptgebäude der Alma Mater Tartuensis und können es uns nicht verkneifen, einfach mal rein zu schauen.

Alma Mater Tartuensis

Innen gediegene Ernsthaftigkeit und ein gerüttelt Maß an Traditionsdenken, was wir an Hand zahlreicher Schaukästen erkennen können – wenngleich wir natürlich auch hier des Lesens unkundig bleiben.

Ja, das hatten wir nicht erwartet, als wir heute morgen mit Frust im Bauch und spontan geänderter Route losgefahren waren. So schnell und so zufällig kann man seinen Horizont erweitern…

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