Kaunas: Kulturhauptstadt Europas 2022

Durch das WirrWarr mit der Baustelle ist es doch später geworden, als geplant – und damit auch heißer: 11:00 Uhr, 31,5 °C. Um nach Kaunas zu kommen, wollen wir entlang der Memel (die hier Nemunas heißt), entlang der Grenze zur russischen Enklave Kaliningrad fahren.

Der Weg dorthin ist ernüchternd. Flaches Land breitet sich vor uns aus, in dem sich weite Felder mit gelbbraun-trockenem Korn mit anderen weiten Feldern mit anderem trocken-gelbem Korn abwechseln, gefolgt von endlosen Weiden, deren Bewuchs gerade noch ausreicht, um die paar wenigen Kühe zu sättigen, die vereinzelt am Zaun stehen. Und dazwischen wir, auf leeren, endlos langen, schnurgeraden, schattenlosen Straßen. Wer zu Depressionen neigt, kann sich hier richtig ausleben.

Endlos geradeaus…

Außerdem erhalten wir unsere zweite Lektion in litauischer Verkehrspraxis. Ist eine Geschwindigkeitsbegrenzung angezeigt, fahren alle exakt dieses Tempo. In Ortschaften kommt man sich mit 55 km/h vor wie ein Verkehrsrüpel. Die maximalen 90 km/h auf freier Strecke werden allerdings eher als politisch sinnfreier Wert angesehen. Hier legen die Litauer gern und verlässlich noch eine Schippe drauf – oft auch zwei.

Das Vorankommen ist mühsam. Es gibt erstaunlich viele Ortschaften vom Typus 20 Häuser verteilt auf 5 km Straße, die selbstverständlich auf 50 km/h begrenzt, mit als Bumper gestalteten Fußgängerüberwegen ausgestattet und mit reichlich stationären Blitzern garniert sind. Dazwischen freie Fahrt bis zur nächsten Kreuzung, die wiederum auf 70 km/h reduziert und natürlich auch mit Kameras überwacht ist.

So schleppen wir uns bis Jurbarkas und sehen von der Memel eigentlich nichts, denn zwischen dem Fluss und der Straße ist entweder etwas Wald oder eben weites flaches Land, in dem der Fluss ganz offensichtlich optisch einfach verschwindet. Nach dem Ort ändert sich das, denn die Straße 141 führt jetzt immer direkt am Fluss entlang, der breit und behäbig daher fließt.

Wir machen eine Pause unten am Fluss. Schließlich sollte man bei der Hitze ab und an etwas trinken. Allerdings sollte man auch die goldene Regel des Zweiradfahrens beachten, nach der zuerst (!) der Seitenständer ausgeklappt wird, bevor man abzusteigen gedenkt. Meine bessere Hälfte hat es andersherum versucht und ist gerade dabei, unter der Babytiger wieder hervor zu kriechen. Ein freundlicher Autofahrer hilft beim Wiederaufstellen der Maschine und ich darf nach dem Klebeband suchen, um den linken Blinker einigermaßen herzurichten. Den Kupplungshebel hat es diesmal nicht erwischt. Wir sind also deutlich besser als im Schwarzwald und in Norwegen!

Pause an der Memel

In Vilkija verlässt die 141 den Flusslauf und wir wollen mit der Fähre übersetzen, um die letzten Kilometer bis Kaunas immer noch ganz nah am Fluss weiter fahren zu können. Allerdings braut sich auf der anderen Seite eine Gewitterfront zusammen. Da bleiben wir doch lieber hier und hoffen, dass die Memel wie ein kleine Wetterscheide wirkt.

Die Hoffnung hält genau bis zum Parkplatz vom Hotel in Kaunas. Ich habe gerade die zweite Maschine geparkt und abgeschlossen, da öffnen sich die Schleusen des Himmels und ein sintflutartiger Gewitterguss entläd sich. Glück gehabt!

Kirche des Hl. Erzengels Michael

Kaunas ist Kulturhauptstadt Europas 2022 und zweitgrößte Stadt Litauens. Also sollte sich ein Gang in die Stadt lohnen! Aber irgendwie sind wir Google aufgesessen, das uns das Zentrum als Altstadt verkauft hat. So wandern wir im guten Glauben, die Altstadt zu sehen, zunächst lediglich durch eben dieses Stadtzentrum, kommen zur mächtigen orthodoxen Kirche des Heiligen Erzengels Michael und flanieren durch die sich anschließende Einkaufsmeile. Auch nicht schlecht. Vor allem, weil auch hier wieder auffällt, wie gut und modisch elegant die Einwohner gekleidet sind. Allerdings bleibt bis 2022 noch viel zu tun!

An vielen Stellen gibt’s viel zu tun

Als wir in einem Lokal etwas essen, entlädt sich erneut der Himmel wie aus Kübeln. Zum Glück sitzen wir unter einer Markise. Nur diesmal bleibt es regnerisch, weshalb wir – immer noch im Glauben, in der Altstadt zu sein – zur Memel abbiegen, um langsam zum Hotel zurück zu gehen. Vielleicht gibt es am Fluss ja noch ein nettes Café mit Ausblick?

Sportzentrum

Nein, gibt es nicht! Hier präsentiert sich die Ära des Nachsozialismus in Form von Gigantomanie. Ein riesiges, hässlich-modernes Sportzentrum, von dem man meinen könnte, es sei im Westen wegen wiederholter Beschwerden über dessen Scheußlichkeit abgebaut und günstig in den Osten verkauft worden, ziert die große Flussinsel Nemankij, umgeben von Parkplätzen und betonierten Wegen.

Parkhaus

Gegenüber ein ebenso riesiges Einkaufszentrum mit einem noch imposanteren Parkhaus. Uns bleibt die Luft weg, wie man an so zentraler Stelle ein derart katastrophales Ensemble etablieren kann. Dagegen wirkt die 1988 gebaute, sehr sozialistisch anmutende Fußgängerbrücke des Königs Mindaugas direkt sehenswert – obwohl auch sie Geschmacksache ist.

Brücke

Gerade vor dem nächsten Guss erreichen wir unser Hotel. In der Lobby liegt ein kleiner Stadtplan, der uns zeigt, dass wir die richtige Altstadt gar nicht gesehen haben. Den hätten wir ja auch eher anschauen können…

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