Entchen von Tharau

Mittwoch gegen 17:30 Uhr Ortszeit sind wir in Litauen. Genau gesagt, in Klaipeda, dem früheren Memel. Das vorgebuchte, gleichnamige Hotel ist genau richtig: Fußläufig zur Altstadt, sauber, gepflegt und mit abgeschlossenem Parkplatz für unsere Maschinen. Nur eine Klimaanlage wäre schön, denn die Temperaturen erinnern eher an Italien als an den Norden. Aber man kann ja nicht alles haben…

Der berühmte Simon Drach Brunnen

Egal, wir besuchen zunächst den berühmten Simon-Dach-Brunnen mit dem Ännchen von Tharau darauf. Als ich noch nicht zur Schule ging und bei uns zu Hause noch Hausmusik gemacht wurde, sang meine Tante häufig das Lied vom Ännchen und für mich war immer klar: Das ist eine Ente! Auch wenn das inzwischen 60 Jahre her ist und ich diesen Brunnen vor ein paar Jahren schon einmal gesehen habe, befremdet es mich immer noch, dass darauf eine Frauenstatue steht und eben keine Ente – wie sich Hörfehler und Kindheitserinnerungen doch halten…

Leierkastenmann

Anschließend setzen wir uns an der Flaniermeile am Fluss Danė in ein Restaurant. Das Essen ist im Gegensatz zur Fähre ausgezeichnet, im Background spielt ein Orgeldreher auf seinem Leierkasten alte Weisen. Sehr angenehm, sehr entspannt und das zu Vorkriegspreisen. Es fällt auf, dass die hier Flanierenden ausgesprochen modisch und gepflegt auftreten – ziemlich egal, welchen Alters. Schlapper- oder Schratlook, wie er bei uns gern gezeigt wird und Haarfarben, bei deren Anblick sich van Gogh wohl auch noch das zweite Ohr abgeschnitten hätte, sieht man hier gar nicht! Wir genießen den Abend!

Fressmeile am Fluss Danė

Die Zeit läuft. Trotzdem machen wir noch einen Altstadtbummel, bevor es wieder zum Hotel geht. Die Altstadt ist klein und viele der alten Häuser sehen aus, als könnten sie ein wenig Farbe und/oder eine Kelle Putz recht gut vertragen. Aber es gibt auch Stellen, die uns gerade deshalb ein südliches Ambiente vermitteln. Häuser, die an den leicht morbiden Charme venezianischer Gassen erinnern. Balkone, die denen in Cadiz nicht unähnlich sind.

Langsam wird es dunkel und irgendwann signalisieren meine Augen, dass sie jetzt gern ins Bett gehen würden. Wir folgen diesem Wunsch ohne zu zögern.

Altstadtbummel
Venezianisches Flair

Am nächsten Morgen machen wir unsere ersten Erfahrungen mit dem litauischen Verkehr und seinen Regeln. „Fahren Sie um den Kreisverkehr herum und nehmen Sie die zweite Ausfahrt“, sagt Frl. TomTom. Wir machen das in guter Gesellschaft des morgendlichen Berufsverkehrs, stehen aber plötzlich vor einem Bauzaun. Wo sind die anderen? Die sind offenbar rechtzeitig irgendwo abgebogen.

Ein Hinweis- oder gar Umleitungsschild gibt es nicht. Muss man das hier kennen? Wir drehen, folgen einigen Fahrzeugen mit einheimischen Nummernschildern und landen nach mehrmaligem links/rechts Abbiegen auf dem Parkplatz eines großen Autohauses – auf dem die Vorausfahrer einparken. Mich erinnert das sehr an einen Segeltörn von Göteborg nach Læsø, auf dem wir uns mit einer anderen, uns unbekannten Yacht eine Wettfahrt leisteten nach dem Motto, wer kann höher am Wind segeln, und Stunden später feststellen mussten, dass der Konkurrent in einen ganz anderen Hafen wollte als wir. Typisch Selbstschuld!

Es ist 10:30 Uhr, 27°C im Schatten, aber den gibt es hier nirgends. Wir stellen unsere Maschinen ab, versuchen auf dem Navi heraus zu finden, wo wir überhaupt sind, da kommt ein freundlicher Fußgänger und weist uns mit Händen und Füßen den Weg zurück (Englisch spricht hier niemand, der nicht in der Tourismusbranche arbeitet – und auch die nur wenig bis ganz wenig). Wir sind wieder beim Bauzaun. Jetzt reicht‘s! Zurück zum Kreisverkehr und einfach eine beliebige andere Ausfahrt genommen! TomTom wird’s schon richten. Und siehe da, genau das machen die anderen auch.

3 Kommentare zu “Entchen von Tharau”

  1. Heute konnte ich mal in Ruhe eure Erlebnisse durchlesen. Ihr habt vielleicht schon was erlebt- du meine Güte! Bleibt euch dieser Urlaub lange in Erinnerung oder wollt ihr vieles schnell vergessen?! Noch weiterhin eine gute Fahrt mit neuen Episoden. ich glaube, da warte ich nicht alleine darauf.
    Martina

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